Immo zog das Schwert und hielt den Griff in die Höhe, Heriman murmelte sein Notgebet, dann legte er die Schwurfinger auf das Kreuz und sprach die Worte, durch die er sich Immo gelobte. Seine Unsicherheit war geschwunden, er warf das Schurzfell von sich, holte Mantel und Mütze vom Haken, gürtete sein Schwert um und begann: »Vertauscht auch ihr den Eisenhut mit dieser Mütze, ich hoffe, sie soll euch passen, und schlagt den Mantel zusammen, damit ihr den Nachbarn weniger auffallt. Euch aber, junger Held, ersuche ich, die Helmkappe des Bruders in der Herberge zu bewahren, während wir beide durch die Straßen gehen, denn zwei Wölfe sind nur ein Paar, aber drei eine Rotte. Ich geleite euch zu dem Hofe, in welchem die Jungfrau heute nacht rastet, damit ihr die Gelegenheit selbst erkennt, denn lichtlos wird am Abend Hausflur und Treppe sein; seht scharf um euch und achtet auch auf Kleines.«

Sie verließen das Haus. Mit Mühe hemmte Immo in den Gassen seinen Schritt zu dem langsamen Gange, in welchem sich Heriman seiner Würde gedenkend bewegte. »Dies ist der Hessenhof,« murmelte Heriman, »der Wirt ist ein Mann des Erzbischofs, aber ein redlicher Nachbar.« Immos Blick achtete forschend auf die Umgebung und auf das Haus, welches dem des Goldschmieds ähnlich, nur kleiner war, und auf das Hoftor, durch welches man die Hintergebäude und Ställe sah. Sie traten in den Flur, stiegen unaufgehalten die Treppe hinan, fanden die Tür eines Zimmers offen und darin eine kräftige Frau, welche mit dem Besen umherfegte und den Heriman vertraulich grüßte. »Dies ist Base Kunitrud, die Witwe eines wackern Burgmannes, sie ist dem Wirt dieses Hofes befreundet und steht seinem Haushalt vor. Dir aber, Base, führe ich den edlen Helden Immo zu, weil er deinem guten Gemüt vertraut, das ich ihm gerühmt habe, und einen Dienst von dir begehrt.«

»Auch wir in Burg Erfurt haben von Held Immo mancherlei vernommen,« antwortete Kunitrud geschmeichelt, »und ich gedenke vor allem der Guttat, die ihr diesem hier erwiesen habt.«

»Um dir alles zu sagen, Base,« fuhr Heriman auf einen bittenden Blick Immos fort, »der Held trauert, wie du ihm leicht ansiehst, darüber, daß das Grafenkind geschleiert werden soll. Denn er hat sie im Hause ihres Vaters und auch sonst lieb gehabt, wie die Art junger Leute ist; und darum möchte er ihr durch deinen Mund noch einen Gruß sagen, bevor sie bei den frommen Schwestern eingeschlossen wird.«

Kunitruds Augen glänzten von Neugierde und Teilnahme. »Verliert nur nicht den Mut, edler Herr, ich habe mehr als eine Nonne gekannt, welche vom Erzbischof Urlaub erhielt und als ehrliche Hausfrau lebte mit Kindern, so drall wie die Äpfel. Denn in dem Erdgarten ist alles möglich, wenn man's nur erlebt.«

Während ihr Immo für die Teilnahme zu danken suchte, fuhren seine Augen rastlos um die offene Tür, das Türschloß und die Treppe. Beim Herabsteigen mahnte Heriman leise: »Achtet auf die ausgetretene Stufe, ein falscher Tritt mag den Erfolg verderben. Und jetzt schnell vom Hause weg und in gerader Richtung dem Tor zu, durch das ihr entrinnen sollt. Einreiten müßt ihr bei Tage, solange das Tor geöffnet ist. Eure Brüder sind hier wohlbekannt und ihre Ankunft wird in der Aufregung des Tages niemandem auffallen. Mit Sonnenuntergang wird das Tor gesperrt und den Ausreitenden geöffnet; wenn die Nacht so weit heraufgestiegen ist, daß die Bürgerglocke zum zweitenmal läutet und die Schenken geschlossen werden, dann wird auch die Brücke gehoben, und von da vermögt ihr nur mit Heeresmacht hinauszureiten. Ihr müßt die Tat also zwischen Sonnenuntergang und dem zweiten Glockenklang vollbringen. Ich sende, wenn die rechte Zeit gekommen ist, meinen Knappen nach eurem Hofe, ich selbst warte eurer in der Nähe des Hessen. Und noch eins habe ich auf dem Wege bedacht,« fuhr Heriman fort, »gelingt es euch nicht, zum Tor hinauszuschlüpfen, so müßt ihr die Hälse wagen auf einem anderen Wege, den schwerlich jemand ohne Not wählt. Ein Stück der Stadtmauer ist verfallen, gerade jetzt bessern sie an dem Schaden, die Stelle ist nicht auf eurem Wege, sondern nordwärts, und nahe der Königsburg. Dennoch sollt ihr sie beschauen, ob sie in der Not euch Rettung gewährt.« Er führte vom Tor längs der Mauer zu einem wüsten Platz, unter Schutthaufen. Die Trümmer der eingestürzten Mauerwand ragten aus dem Grabenwasser und die Arbeiter hatten Bretter darübergelegt, auch an der Böschung der Außenseite sah man den Fußsteig, durch welchen sie aus- und einliefen.

»Lacht der Mond freundlich, so ist der Angstpfad wohl zu durchreiten,« entschied Immo. »Jetzt weiche von mir, Heriman, damit du dich nicht ohne Not gefährdest, denn deine Burgmannen werden bald mit Argwohn meiner gedenken.« Nach kurzem Gruß entfernte sich der Goldschmied, Immo eilte in die Herberge und sprengte gleich darauf mit dem Bruder aus dem Tor.

Eine gute Wegstunde von Erfurt lag unweit dem Grenzwall, welcher die Güter des Geschlechts von der Stadtflur schied, ein Hügel, der mit Eichen bewachsen, auf seinem Gipfel ein altes Blockhaus trug, in welchem die Jäger und Hirten zu rasten pflegten. Im Sommer war die kleine Lichtung von dichtem Schatten umhüllt, auch jetzt bot das Geflecht der Äste und Zweige einen sicheren Versteck. Zu dieser verborgenen Stelle hatte Immo die Brüder und die Getreuen von der Mühlburg geladen, wenn die Sonne die Mittaghöhe erreichen würde. Er fand bei seiner Ankunft Brunico mit den Waffen und frischen Rossen, und den Vogt der Mühlburg, welcher die letzten Befehle des Herrn empfangen sollte. Als Immo absprang und seinem Bruder Gottfried zunickte, erkannte er in dem erblichenen Antlitz des Jünglings die Erschöpfung, er hob ihn in seinen Armen vom Pferde und streichelte ihm die Wangen. »Zwei Tage und eine schlaflose Nacht im Eisenhemd waren für meinen Liebling zuviel, noch hast du Zeit, ein wenig zu ruhen, damit dir am Abend nicht die Kraft versagt.« Und mit freundlichem Zureden nötigte er den Widerstrebenden auf ein Lager von Waldheu, das er im Blockhaus breitete, er rückte ihm das Haupt zurecht und deckte ihn mit dem Wollmantel. Dann trat er ins Freie und blickte unverwandt nach dem Wege, der vom Herrenhofe herzulief.

Die Brüder stoben in ihrer Rüstung heran; als sie den Bruder auf der Höhe erkannten, wirbelten die Jüngeren lustig die Speere. Odo führte sein Roß zu Immo und bot diesem die Zügel. »Nimm heute den Sachsen zurück,« sagte er, »denn die Braut, welche wir einholen, soll von diesem Tiere getragen werden, welches der Stolz des Hofes war. Die weiße Farbe ist gedeckt, damit es im Dunkeln nicht jedermann erkennbar schimmere.« Da schlang Immo den Arm um den Hals des Bruders und antwortete: »Die Gabe nehme ich nicht, edler Odo, denn größere Gunst fordere ich von dir selbst. Nicht meine Arme dürfen die Braut, um welche wir reiten, aus der Stadt tragen, sondern du selbst sollst es tun. Mir gebührt die Abwehr, der Kampf und die Nachhut auf der Flucht. Dir aber übergebe ich die Geliebte, daß du nur um sie sorgst und sie rettest, was uns andern auch geschehe.« Da nickte Odo: »Es sei, wie du willst.«

Schweigend standen die Männer und schauten zuweilen durch die Baumäste nach dem Stand der Sonne. Endlich hob Immo den Arm nach dem Himmel, da neigten alle die Häupter und flehten leise zu den hohen Engeln um Rettung aus der Not, in welche sie ritten, dann traten sie an die Rosse. »Wo bleibt Gottfried?« frug Odo.