Immo sprang in das Blockhaus. Der Bruder lag in festem Schlummer, er hielt die Hände gefaltet und lächelte. Als Immo das Kind so im Frieden liegen sah, wurde ihm plötzlich das Herz weich, er trat leise zurück und zu den Brüdern kehrend, sprach er: »Er liegt in süßem Schlaf, ich traue mich nicht, ihn zu wecken.«

»Bleibt er zurück, so wird er uns immerdar zürnen,« versetzte Odo und wollte hinein, aber Immo hemmte ihn und sprach: »Denket daran, Schwurgenossen, daß unsere Mutter einen Sohn behalte,« und dem Dienstmann Berthold die Hand zum Abschiede reichend, bat er: »Wenn er erwacht, so sage ihm, daß wir einen von uns gewählt haben, für unsere Mutter zu sorgen, und der eine sei er.« Wieder hob er den Arm zur Sonne und die Helden sprengten den Berg hinab der großen Stadt zu.

Im Walde vor Erfurt teilte sich die Schar, denn nicht zu gleicher Zeit und zu einem Tore wollten sie einreiten. Die fünf Brüder zogen auf dem nächsten Weg durch dasselbe Tor, zu welchem sie die Geraubte hinausführen mußten. Immo aber mit Brunico betrat die Stadt durch das Tor im Osten. In der Herberge trafen alle zusammen, sie fanden viel Volk in den Straßen und in den Schenken, auch Bewaffnete aus der Umgegend klirrten einher. Die Brüder aber gingen einzeln und zu zweien durch die Menge und betrachteten die Gassen, durch welche sie reiten, und die Ecken, an denen sie sich aufstellen sollten.

Die Sonne sank, in den Straßen wurde es dunkel, die Gassen leerten sich, doch aus den Häusern glänzten die Herdfeuer und aus den Schenken klang der Lärm lustiger Zecher. Die Brüder standen im Hofe ihrer Herberge bei den gesattelten Rossen, sie wechselten gleichgültige Worte, aber in der langen Erwartung hämmerte ihnen das Herz in der Brust. Und wenn ein Laden oder die Flurtür geöffnet wurde, so kam ihnen bei dem matten Lichtschein vor, als ob sie alle bleich wären wie Leblose. Da fuhr eine dunkle Gestalt von der Gasse in den Hof, und der Knappe des Goldschmieds flüsterte Immo zu: »Der am Idisbach lag, grüßt euch und läßt euch sagen, es sei an der Zeit. Der Graf und sein Gefolge sind beim Vogt des Erzbischofs zum Nachtmahle.« Gleich darauf ritten die Brüder langsam aus dem Hofe, voran Immo neben dem Boten, nach ihm Odo und Brunico, die andern Brüder folgten ganz allmählich zu zweien.

Vor dem Hessenhofe war die Straße leer, aus dem Hofraum aber vernahm man Stimmen und das Stampfen der eingestallten Pferde. An dem Kellerhals des Nachbarhauses tauchte ein Schatten auf und glitt neben Immo bis nahe zu der Haustür. Den Zügel des Rosses ergreifend, mahnte Heriman mit heiserer Stimme: »Steigt ab.«

Immo sprang in das Haus; langsam ritt Odo bis dicht vor die Haustür. Das Zeichen der Nachtglocke klang gellend vom Turme, in den Höfen rührte sich's und vom Markte her vernahm man den schweren Tritt und das Klirren Bewaffneter. »Er ist verloren,« stöhnte Heriman. Da sprang Immo über die Schwelle, eine verhüllte Gestalt im Arme, er schwang sie dem Bruder auf das Roß und der Sachsenhengst fuhr in gestrecktem Lauf die Gasse entlang dem Tore zu. Als Odo um die Ecke bog, war er nicht mehr allein, denn hinter ihm ritten Adalmar und Arnfried, und als sie dem Tor nahten, fanden sie Ortwin und Erwin schon in Verhandlung mit den Torwächtern, welchen Ortwin zurief: »Frisch, ihr guten Männer, beeilt euch aufzusperren, wir reiten zum Ehrentanze für eine Braut.« Odo hielt im Dunkeln, er hörte das Knarren der Torflügel und mahnte zurück: »Schließt dicht an.« Dann sprengte er hinter die vorderen Brüder, und die Schar ritt eilig durch das Tor auf die Brücke. »Haltet, halt! was tragt ihr hinaus?« schrie der Wächter, aber der Ruf verklang hinter den Flüchtigen. Sie stoben gerettet unter dem Nachthimmel dahin und sahen rückwärts nach dem Bruder aus.

Als Immo vor dem Sachsenhofe nach seinem Rosse sprang, schrie aus dem Oberstock eine helle Frauenstimme: Raub, Zeter und Waffen. Die Scharwächter stürmten heran, aus dem Hoftor drangen die Knechte, auch diese riefen Feuer und Rache. Im Nu erhob sich wilder Tumult und Waffengeklirr. Gegen Immo, der mit Mühe sein Roß gewonnen hatte, warfen sich die Scharwächter, er wehrte den Führer mit dem Speer ab, und als der Mann stürzte und die Genossen sich um ihn sammelten, riß Brunico das Pferd seines Herrn am Zügel und schrie: »Fort, die Bahn ist offen.« Aber indem Immo sich wandte, klang in seinem Rücken aufs neue Geschrei und Schwertschlag, und die Stimme Herimans rief flehend: »Verlaßt nicht euren Helfer, der für euch das Schwert hob.« Da merkte Immo, daß die Stunde gekommen war, in welcher eine Lehre des Mönches Gehorsam forderte, und daß dieser Gehorsam ihn von Freiheit und Glück schied. Aber seiner Ehre gedenkend, rief er entgegen: »Des Rosses letzter Sprung sei für dich,« und er warf sich zurück in den wütenden Haufen, stach und schlug, bis er den Heriman herausgehauen hatte und dieser hinter dem Roß in der Dunkelheit verschwand. Jetzt wandte sich Immo aufs neue zur Flucht und stob mit Brunico dem Tore zu. Aber die Stadt war geweckt, hinter ihnen stürmten mit lautem Hallo die Verfolger, aus aufgerissenen Fensterläden fiel hie und da ein Lichtschein auf die Flüchtigen, die Trinker sprangen mit gezückter Waffe aus den Schenken und warfen sich ihnen entgegen. Als sie das Tor vor sich sahen, erscholl auch von dort Alarmruf und Kampfgeschrei Bewaffneter, welche auf sie zurannten. Da fuhr Brunico in der Bedrängnis zur Seite in eine enge Gasse der gebrochenen Mauer zu, Immo folgte. Der größte Teil der Verfolger lief nach dem nächsten Tor, um die Flüchtigen dort abzuschneiden, die Gehetzten gelangten bis zu den Mauertrümmern. Dort hielt Brunico. »Voran,« befahl Immo. Keuchend klomm das Roß des Mannes hinab, dieser gelangte glücklich über den Bretterstieg, indem er unterwegs brummte: »Nicht umsonst habe ich dich zum Feierabend zurecht gelegt,« und fuhr auf der andern Seite in die Höhe. Ihm folgte Immo. Er sah sich auf der wüsten Stätte um, noch waren die Verfolger zurück, aber sein verwundetes Roß hinkte; als er es hinabtrieb, brach es an dem Trümmerhaufen, welcher aus dem Wasser ragte, zusammen, warf den Reiter hart gegen die Steine und glitt in das Wasser, in dem es angstvoll stöhnte und um sich schlug. Immo erhob sich betäubt vom Fall, er merkte jetzt, daß er selbst hart verwundet war; mühsam wankte er auf den Steg und wand sich an der andern Seite des Grabenrandes empor. Dort blieb er liegen.

»Fünf Jahre habe ich dich gezogen,« klagte Brunico zu seinem Hengst, »und jetzt rinnt dir's heiß von der Hüfte und du ziehst auf dem Wege eine Spur gleich dem verendenden Wild. Einem ruhmlosen Tölpel gehörte der Speer, welcher auf das Roß zielte statt auf den Reiter.« Hinter sich vernahm er einen leisen Ruf, er sprengte zurück. Unweit des Grabens lag ein Mann am Boden, Brunico sprang ab. »Der Schildarm ist getroffen,« seufzte Immo, »und er hängt nach dem Sturz machtlos in der Achsel.«

»Ein wunder Mann und ein wundes Pferd sind einander jämmerliche Gesellen,« rief Brunico. »Dennoch helfe ich dir auf mein Tier, mich birgt die Nacht und der nächste Graben.« Er hob den Wunden mit starker Anstrengung auf sein Roß, aber Immo schwankte wie betäubt. »Halt aus, Brauner, bis zum nächsten Wald,« ermunterte Brunico, »dort lade ich ihn auf meinen Rücken.« Er schwang sich hinter dem Verwundeten auf, die Hinterbeine des Pferdes knickten unter der Last, Brunico trieb es mit den Sporen dem Saum des Gehölzes zu, welches in der Dunkelheit schwarz vor ihnen lag.

»Die Hunde werden im nächsten Augenblick hinter uns sein,« brummte der Knappe nach rückwärts spähend, »und unsere Kunst geht zu Ende.« Er sprang wieder ab.