Hinter dem Wagen klang schneller Hufschlag. Hunold sah sich um und zog die Decke über den Liegenden. Bewaffnete sprengten heran und frugen barsch nach Namen und Fahrt. Auf die Antwort des Führers, daß er ein Mann des großen Bischofs sei, klang die Gegenfrage, ob er Reiter gesehen habe.
»Sicher sah ich sie, kaum ein Viertel Weges zurück am Kreuze, zwei Männer auf einem Pferde,« und er wies rachsüchtig dorthin, wo Brunico in der Dunkelheit verschwunden war. »Ihr mögt die Spur erkennen, denn sie liegt rot auf dem Wege.« »Sie sind es,« riefen die Reiter und stoben zurück bis zum Kreuzwege.
Aber sie erreichten weder Roß noch Reiter. Denn Brunico war, als er sich in der Dunkelheit allein sah, vom Hengst gesprungen und hatte das zitternde Tier mit einem Schlage vorwärts getrieben. »Hilf dir allein, wenn du kannst, ich denke, den Weg nach deinem alten Stalle kennst du. Ich laufe dem Karren nach Balderichs Hof vor, damit der Alte und mein Mädchen über das Brautgeschenk, das ich ihnen sende, nicht allzusehr erschrecken.«
11.
Die Mutter auf der Burg.
Von den Mauern der Mühlburg spähten Immos Brüder die ganze Nacht sorgenvoll nach der Tiefe, immer wieder erwogen sie, ob er getötet sei, ob er in Erfurt gefangen liege, oder ob er sich auf einem Umweg in die Berge schlagen und zu ihnen kehren werde. Jedes Rauschen im Holz, jede Tierstimme im Walde dünkte ihnen ein Zeichen des Nahenden. Als der Morgen graute, sandten sie Läufer in die Dörfer, welche ihnen gehörten, und forderten heimlichen Zuzug ihrer Dienstmannen, und zwei von ihnen warfen sich mit den Knechten in das Gehölz, wo ein gedeckter Anritt zu den Bergen möglich war. Aber friedlich lag die Landschaft, auch von dem Turm des vorderen Berges, der am weitesten die Ebene nach Erfurt überschaute, vermochten sie nichts zu erkennen, nur einzelne Reiter sahen sie hie und da auf den Feldwegen, und ihre spähenden Knaben verkündeten, daß es Reisige des Erzbischofs waren, welche vorsichtig bei den Bauern nach der flüchtigen Schar forschten, aber den Rand des Gehölzes vermieden. Als die Sonne im Mittag stand, rief Ortwin: »Nicht länger vermag ich die Unsicherheit zu ertragen, es bringt uns wenig Ehre, hinter den Mauern zu harren, während der Bruder in Not ist; ich sattle und reite nach dem Hofe der Mutter und weiter der Stadt zu, damit ich Bericht einhole, sei er böse oder gut.«
»Ich widerrate,« versetzte Odo, »daß du der Mutter unter die Augen trittst, denn besser ist es, daß sie völlig keinen Teil habe an unserm Handel und fortan ebensowenig der Jüngling Gottfried, so wollte es auch unser Bruder Immo. Der Jungfrau aber hier auf dem Berge dient die alte Gertrud, welche die Mutter auf meine Bitte gestern dem Bruder gesandt hat. Auch deinen Ausritt vermag ich nicht zu loben, leicht könnten wir noch dich verlieren; besser gefällt mir, daß wir den Müller Ruodhard schicken, er versteht die Leute auszufragen und hat überall eher Frieden, als ein anderer.«
Der Rat gefiel den Brüdern und Ruodhard stieg eilig von dem Berge. Auf dem Herrenhofe fand er alles in Schrecken und Verwirrung, Frau Edith hielt das Tor geschlossen, nur über dem Grabenrand konnte er mit den Knechten verhandeln. Niemand dort wußte etwas von Immo und seinem Knappen. Dann lief er bis Erfurt. Alle Schenken waren gefüllt, und jedermann sprach von dem Raube, aber die Leute stritten, wer der Räuber sein möge, und von Immo vernahm er völlig nichts und er meinte, daß dieser schwerlich in Haft liegen könne, weil die Reisigen noch auf der Jagd wären.