Da beschlossen die Brüder, still zu harren, aber sie frugen unsicher, wie lange sie die Jungfrau bewahren sollten, wenn ein Landgeschrei erhoben würde und wenn gar die Mutter die Entlassung forderte.
Wieder am nächsten Morgen hielten zwei der Brüder auf dem Wartturm die Wache, da lachte Ortwin: »Den Kranich Ludiger hörte ich schreien, wie lief der Vogel aus unserm Hofe über das Land?« und als er hinabsah, erkannte er, daß an der Außenseite des Grabens mitten auf dem Wege etwas Fremdes lag. Er ließ das Tor aufsperren, die Brücke werfen, eilte hinab und hob vorsichtig den Fund in die Höhe, dann sprang er abwärts bis an das Gehölz, aber er vernahm nur noch ein Rasseln der Zweige, als ob jemand schnell hinabgleite, und suchte vergebens den Springer zu erkennen. Er flog zurück, rief in den Hof: »Eine Botschaft bringe ich, was sie bedeute, mögt ihr selbst erkennen,« und hielt ein kleines dicht umwundenes Bündel in die Höhe. Das Gebinde ging von Hand zu Hand, und Odo sprach: »Sicherlich ist es ein Zeichen, ruft die alte Gertrud, denn sie versteht alles Geheime besser zu deuten als wir andern.« Gertrud betrachtete mit scharfen Augen das fremde Stück, sie setzte sich nieder, murmelte Unverständliches darüber, löste behutsam das Band und dachte nach. Endlich hob sie die Hand und rief: »Ich verstehe den Gruß, Günstiges kündet er dem Hause; denn daß der Kranich rief, meldet euch, daß die Botschaft von einem Sohne des Hofes kommt; blau ist das Band, welches das Zeichen umschließt, und mit blauer Farbe malt ihr Helden eure Schilde, in der Schlinge liegen fünf Pfeile um ein Haselreis und eurer sind fünf, und das Reis in der Mitte meint die Jungfrau. Der dies gesandt hat, will, daß ihr mit euren Waffen die Jungfrau umringt wie die Pfeile das Reis. Das Reis ist noch ganz frisch, darum ist, der es sandte, nicht weit entfernt.« Da rief Odo: »Geendet ist der Zweifel. Er lebt und er denkt seine Beute zu bewahren, er soll erkennen, daß auch wir nach seinem Willen tun; wir halten die Jungfrau und wir halten die Burg gegen jedermann; denn hoch ist der Berg und fest die Mauer, und viele Helmkappen mögen daran zerschellen, wenn die Grafen aus der Ebene sich gegen uns erheben.«
Der flüchtige Bote war ein junger Sohn des Bauern Balderich, in dessen Hofe Immo verborgen lag. Ungeduldig forderte der Verwundete, daß Brunico ihn nach der Mühlburg schaffe; sein verrenkter Arm war ihm eingerichtet, aber der Schmerz und Blutverlust einer tiefen Armwunde hinderten, das Roß zu besteigen, und Brunico merkte, daß die Wege auch in der Nacht von Reisigen umlauert waren. Da dachte Immo, daß der Balsam, welchen die Mutter bewahrte, ihm schnelle Heilung verschaffen könnte, und er mahnte seinen Knappen, das Heilmittel mit Gottfrieds Hilfe zu gewinnen. Deshalb lief der kluge Knabe von der Mühlburg nach dem Herrenhofe, um die Arznei, welche Brunico selbst nicht zu holen wagte, vertraulich zu erbitten.
Dem Knaben gelang es, in den Hof zu schlüpfen und den Herrensohn heimlich zu grüßen. Als Gottfried in den Saal trat, fand er seine Mutter in Unterredung mit einem Mönch des heiligen Wigbert, den er nicht kannte; es war eine düstere, breitschulterige Gestalt, mehr einem Kriegsmann als einem Mönch zu vergleichen. Und er vernahm, wie die Mutter zu dem Fremden sprach: »Ich wußte längst, daß die Geweihten auch die hohe Pflicht üben, ihren Feinden zu vergeben und für sie zum Himmelsherrn zu bitten, aber daß ihr, ehrwürdiger Vater, gegen den mein armer Sohn am ärgsten gefrevelt hat, so treu der hohen Lehre anhängt und ihm jetzt eure Fürbitte zuteil werden laßt, das nimmt schwere Sorge von meinem Herzen.«
Gottfried winkte die Mutter zur Seite und sagte ihr heimlich: »Gib mir den Balsam der Kaiserin für einen Verwundeten, aber frage nicht, wer er ist.«
Edith sah ihn mit großen Augen an, dann eilte sie in ihre Kammer, riß die Büchse aus der Truhe, trug sie in den Saal und hielt sie dem Mönch hin, indem sie sprach: »Segnet die Arznei, ehrwürdiger Vater, denn vor jedem andern Gebet mag das eure dem Unglücklichen frommen, der sich dies begehrt.«
Der Mönch neigte sich darüber und segnete, Gottfried sprang hinaus und übergab dem Knaben die Büchse. Der Wigbertmönch aber sah mit finsterm Blick dem enteilenden Knaben nach.
Am nächsten Tage rief Ortwin von dem Turme in den Hof: »An das Tor, ihr Genossen, Staub wirbelt auf der Straße, einen reisigen Zug sehe ich mit Wagen und Herdenvieh, und Eisen blinkt über den Rossen.« Die Brüder sprangen herzu, in kurzem waren die sechs Kinder Irmfrieds auf der Höhe des Turmes gesammelt. »Ich sehe kein Banner wehen,« sprach Erwin, »und sorglos ziehen sie dem Gehölz zu.«
»Nur klein ist der Haufe, mehr Rinder und ledige Rosse als Männer,« rief Adalmar, »wie Flüchtige nahen sie und nicht wie Feinde.« »Weiber erkenne ich im Haufen und den jüngsten Bruder,« lachte Arnfried.
»Es ist die Mutter selbst,« rief Odo. Die Brüder sahen einander mit kummervollen Mienen an. »Sie naht mit ihrem Gesinde, die Bewaffneten des Gutes führt sie herbei.«