»Hart ist es, gegen die eigene Mutter zu kämpfen,« murmelte Erwin.
»Schwerlich dürfen wir den Zugang wehren,« sprach Ortwin, »aber wie sollen wir ihrem Willen widerstehen?«
»Alles hat seine Zeit,« rief Odo, »wenn sie fordert, mögen wir weigern, jetzt rate ich, ihr entgegenzugehen.«
Die Söhne eilten hinab, das Tor wurde geöffnet, auf der Mauer drängten sich die Mannen, und die Herren traten vor die Brücke, um den Zug zu empfangen. Schweigend nahten die Reiter, ohne Gruß und Willkommen sahen die alten Bankgenossen einander ins Gesicht, schweigend traten auch die Söhne an das Roß der Mutter, sie aus dem Sattel zu heben. Als Edith den Boden berührte, begann sie: »Es ist mir lieb, daß ihr mich empfangen habt, geleitet die Mutter in das Haus des Bruders. Du aber, Odo, gestatte, daß deine und meine Leute den Hof betreten,« und nach rückwärts gewandt rief sie: »Gehorchet, wenn Herr Odo euch fordert, denn er hat hier zu gebieten.« An der Hand des Sohnes schritt sie in den Hof und grüßte die Kriegsleute, welche ihr jetzt zuriefen und die Waffen zusammenschlugen. Unterdes sprachen die jüngeren Brüder mit Gottfried. »Sie hat unsern Hof geräumt,« erzählte dieser, »alle, die treu an ihr hängen, führt sie unter Waffen her. Was sie hier begehrt, hat sie mir nicht vertraut.«
Edith blickte über den Hof auf das Gedränge von Männern, Weibern und Vieh, und auf die unsichern und verlegenen Blicke, mit denen sie betrachtet wurde. »Harrt nur ein wenig, ihr Treuen; du, Odo, führe mich zu dem Herde, an welchem mein Sohn Immo gerastet hat, bevor ich ihn verlor.«
Die Brüder geleiteten sie in das Haus, Edith neigte sich zu dem leeren Herrensitze am Herde und ihre Lippen bewegten sich im stillen Gebet, dann trat sie unter ihre Söhne. »Euch wundert, wie ich erkenne, die Mutter hier zu sehen, und kalt ist der Willkommen, den ihr mir bietet, ich aber komme, bei euch zu bleiben und euer Schicksal zu teilen. Sorget nicht, daß ich euch den Sinn mit Klagen beschwere oder gar mit Vorwürfen, weil ihr gefrevelt habt gegen Frieden, Recht und die heilige Kirche. Andere werden euch darum bedrohen, ich aber will euch dienen, so weit eine Mutter vermag. Denn wir alle erkennen, daß wir in Todesnot stehen. Wisset, meine Söhne, der König naht mit großem Heergefolge, der Erzbischof und die Grafen im Lande haben ihre Mannen in den Sattel gefordert, heute oder in den nächsten Tagen wird der Feind die Burg umschließen, und die Kinder des Helden Irmfried werden hinter Mauern ihren letzten Kampf kämpfen, wenn sie nicht demütig ihr Haupt beugen und das Erbe ihres Bruders ausliefern.«
Die Brüder standen betroffen.
»Wir gedenken die Burg zu halten, Mutter, auch gegen den König,« antwortete Odo, »obwohl wir erkennen, daß wir in großer Gefahr stehen. Aber Mutter, daß ich alles sage, mehr als den König und den Erzbischof fürchten wir deinen Wunsch, daß wir die Braut des Immo den Feinden ausliefern.«
Da antwortete Edith: »Stets habe ich gehofft, daß mir die Heiligen gewähren würden, ohne große Missetat mein Leben zu beschließen; aber anders hat der üble Teufel es gefügt. Will ich meinem Geschlecht die Treue beweisen, so muß ich die Mitschuld auf mich nehmen zu meinem Schaden hier und dort. Eure Mutter bin ich, ihr Knaben, ich habe euch gezogen und über eurem Haupt gebetet von dem ersten Tage eurer Geburt. Darum will ich auch jetzt die Last mit dir tragen, du einsames, verfeindetes Geschlecht. Und die Engel mögen es wissen und die Heiligen mögen mir verzeihen. Ich lasse euch nicht und ich scheide mich nicht von eurem Los, wie es auch falle.« Da riefen ihr die Söhne Heil und hingen sich ihr um Hals und Hände. Edith aber fuhr fort:
»Laßt uns an die nächste Arbeit denken, Odo, unsere Getreuen sollen wissen, daß die Herren einig sind. Alle, die ich dir herführe, sollen dem Herrn Immo in deine Hand sich zuschwören. Ich bringe auch, was zumeist die Sorge der Frauen ist, Vorrat von den Gütern für Küche und Keller, vertraue mir die Aufsicht darüber an, damit ich mit meinen Mägden dir nütze, und ich rate, laß abladen und einräumen, solange nicht größere Sorge bedrängt.«