»Gestatte, Mutter, daß ich dir die Jungfrau zuführe,« bat Odo. Das Antlitz der Edith erblich, ihre Hand zog sich zusammen und sie rang nach Fassung, aber im nächsten Augenblick sprach sie lächelnd: »Erst machen wir das Haus fest, damit unsere Leute der Unsicherheit enthoben werden. Denn der Zweifel lähmt auch den Mutigen, aber wer seine Pflicht kennt, bewahrt leichter die Kraft. Ist Burg und Hof versorgt, dann denken wir des Gastes, der bei uns eingekehrt ist.«

Als Odo die Tür des Gemaches öffnete, in welchem Hildegard geborgen war, saß die Jungfrau gebeugt auf dem Lager, die Hände im Schoß gefaltet. Sie fuhr auf und sah erschrocken auf eine hohe Frauengestalt und den strengen Ausdruck eines edlen Antlitzes. »Es ist unsere Mutter,« sagte Odo, »welche zu dir kommt.« Da sank Hildegard vor Frau Edith auf den Boden und Odo verließ leise das Zimmer.

»Steh auf, Jungfrau,« begann Edith, »ich bin nicht der Herr, welchen du dir gewählt hast.«

Hildegard sah furchtsam zu ihr auf. »Im Traume sah ich dein Angesicht, es gleicht dem seinen, aber feindlich blicken die Augen. O sei barmherzig, Herrin,« rief sie in ausbrechendem Schmerze, »der Sturmwind riß ein Blatt vom Baume und es flatterte bis vor deine Füße. Zertritt nicht die Bebende.«

Edith hob ihr das Antlitz empor und sah scharf in die tränenfeuchten Augen. »Das sind die Züge, welche meinem Sohn lieber wurden als der Wille der Eltern und das eigene Heil. Waren es deine Tränen oder war es dein Lachen, womit du sein Herz umstrickt hast? Ich denke wohl, mit Lächeln begann's und die Tränen folgten, das ist das Schicksal aller, welche einander lieb haben auf dieser Erde. Leid brachtest du uns und Leid brachte er dir. Steh auf, Jungfrau,« fuhr sie milder fort, »ich komme nicht, dich zu schelten und zu richten, sondern damit ich dir Frauenrat gebe, so oft du ihn begehrst. Setze dich zu mir und wenn du mir gefallen willst, so sprich mir von ihm.« Sie führte Hildegard zu dem Lager, aber die Jungfrau glitt wieder an ihren Knien herab und klagte: »Laß mich liegen, Herrin, und zu dir aufsehen wie zu einer Fürbitterin, denn mir ist, als hätte ich dir Großes abzubitten, daß ich hier bin und daß ich ihn liebe.«

Edith neigte sich zu ihr herab: »Rede nicht weiter, bevor du mir eins gesagt hast. Als meine wilden Knaben dich hertrugen, folgtest du mit gutem Willen oder haben sie eine Widerwillige auf das Roß gehoben? Bist du als Braut meines Sohnes hier oder als Gefangene?«

Über das verstörte Gesicht der Hildegard flog eine holde Röte und sie neigte das Haupt in den Schoß der Mutter. »Als er eintrat,« murmelte sie, »erschien er mir wie damals, wo er mich am Kreuz mit seinem Schilde deckte. Gleich dem hohen Engel Michael stand er bei mir im Kriegskleide und mir schwand die quälende Angst vor dem Kloster.«

Edith seufzte schwer, aber sie legte ihre Hand auf die feuchte Stirn der Jungfrau.

Hildegard warf ihre Arme leidenschaftlich um den Leib der Herrin und klagte: »Meine Mutter ist tot, und freudenlos lebte ich. Da trat er in unsere Halle. Holdselig waren seine Worte, fröhlich seine Art, und unter den Männern wußte er sich zu behaupten, daß ihm keiner zu widersprechen wagte. Er wurde mir schnell so vertraulich, als hätten wir lange beieinander in der Schule gesessen. Und er lachte mich an und faßte meine Hand. Sein Lachen ist lieblich, Herrin. Er trank aus dem Becher, den ich ihm bot, und aß von meinem Teller.«

»Darum hat die Mutter ihm Becher und Teller vergebens gestellt,« murmelte Edith.