Reisige sprengten herauf, im Lager erhob sich Geschrei und Getümmel, ein donnernder Jubelruf wälzte sich von Haufen zu Haufen durch das ganze Heer. Unter dem Geleit einer reisigen Schar wurde ein langer Zug von Heerwagen und beladenen Lasttieren durch das Lager geführt und nahe dem Bach, den Belagerten sichtbar rund um die Festung bis zu der Höhe des Königs. Das war der Schatz, den der Held des Markgrafen gefangen und den der König zurückgewonnen hatte, nachdem er die Burg des Magano eingenommen. Jetzt wurde der Schatz im Triumph durch das Lager geführt, die Krieger zu trösten und die Feinde zu entmutigen. Die Augen des Königs leuchteten, als sie dem Zuge der Wagen folgten, und sich noch einmal zu Immo wendend, schloß er: »Suchst du gleich Ehre und nicht Gold, ich hoffe doch, es soll auch für dich etwas Glänzendes herausgehoben werden, wenn der König seine Treuen belohnt.« Er ging dem Erzbischof entgegen, welcher dem Zelte des Königs zuschritt.

Als die Sonne sank, zog eine Schar breitschultriger Bayern mit Stiernacken und großen Häuptern heran, die Königswache zu halten. Immo wechselte mit dem Führer den Gruß, löste seine Knaben von ihren Plätzen und führte sie zu der Stelle des Lagers, wo sie sich aus Fichtenzweigen die leichten Hütten erbaut hatten. Während die Thüringe das Feuer anzündeten, um ihr Mahl zu bereiten, warf er selbst einen dunklen Mantel über, den Goldschmuck seiner Rüstung zu verdecken, vertauschte seinen Helm mit der leichten Eisenkappe eines Gefährten und eilte ins Freie. Rings um die Festung brannten die Lagerfeuer, zwischen den rötlichen Flammen und den weißen Rauchsäulen schritten die Krieger wie dunkle Schatten hin und her. Auch über der Festung schwebte eine rote Dampfwolke, welche verriet, daß die Belagerten nach den Gefahren des Tages für die ermüdeten Leiber sorgten.

Immo durchschritt die letzten Lagerreihen der Königsmannen, beantwortete den Ruf der Wachen und trat in das offene Land, welches dunkel und still vor ihm lag. Nur an einer Stelle wirbelte weit abseits vom Lager ein feuriger Dampf, dessen Flamme in der Tiefe verborgen war. Dorthin eilte Immo. Von der Höhe blickte er über eine Erdsenkung, in welcher eine Anzahl Laubhütten und Zelte unordentlich durcheinander stand. Saitenspiel und Gesang und das Geschrei Trunkener tönten zu ihm herauf, Männer und Frauen glitten an den Feuern vorüber und schlüpften von einer Hütte in die andere. Dort war das Lager der fahrenden Leute, welche als Sänger und Fiedler, als Tänzer und Gaukler dem Heere folgten, um die Krieger in den müßigen Stunden zu ergötzen und ihren Anteil an der Beute zu gewinnen. Übel berüchtigt war die Stelle, denn die Wanderer, welche dort hausten, waren aller Ehre bar und wurden durch kein Recht geschützt, nur durch die Gunst mächtiger Helden, welche sie zu gewinnen wußten. Als Immo in das Gewirr der Hütten und der Feuerstellen eindrang, wurde der Lärm und das Gewühl lästig und er zog seinen Mantel dichter zusammen. Bezechte Krieger schrien ihn an, buntgekleidete Weiber boten ihm lustigen Gruß, ein riesiger Bär, der an einen Pfahl gebunden war, zerrte brüllend an seiner Kette, die Fiedel klang und das Sackrohr brummte; in einer Hütte schwang sich, umdrängt von einem Haufen Gewappneter, eine zierliche Dirne in hohen Sprüngen durch die Luft; in einer andern saß ein Spielmann, sang mit melodischem Tonfall ein Lied von den Taten vergangener Helden und riß dabei kräftig die Saiten der kleinen Harfe; neben einem großen Feuer sprang ein schlauäugiger Gesell umher, welcher schnurrige Lügengeschichten erzählte, und wenn die Zuhörer laut auflachten, mit dem Becher herumlief, damit man ihm Silberblech spende. Endlich kam Immo zu einem Zelt, welches inmitten der andern recht ansehnlich stand, mehrere gute Rosse waren daneben angepflöckt und darüber wehte ein Banner, auf dessen Tuch zwei gekreuzte Pfeile sichtbar wurden.

In der Zelttür saß Wizzelin, ein kräftiger Mann von mittleren Jahren mit klugem Gesicht, er trug ein zierliches Gewand von zweierlei Tuch, die eine Hälfte rot, die andere grün, um den Hals eine Goldkette, am Armgelenk einen dicken Goldring. Er gebot dem Lager als Hauptmann und schlichtete gerade einen Streit zweier Genossen, welche zu beiden Seiten eines Esels standen. »Frei lief der Esel,« entschied er lachend, »und zu gleicher Zeit packte ihn Gozzo am Schwanz und Bezzo am Ohr, und jeder meint, daß darum der Esel ihm gehöre. Beide habt ihr Unrecht geübt, denn ihr habt einander ärgerlich gescholten, der Fahrende aber gewinnt nur durch Lachen sein Recht und seine Beute. Dem Esel vollends habt ihr die Ehre gekränkt, denn da er als Freier lief, hat er das Recht, sich seinen Herrn zu wählen.« Er wies auf einen Distelstrauch zur Seite. »Jeder von euch nehme eine Blüte des wehrhaften Krautes in die Hand, dann haltet beide die Fäuste vor den Helden: wessen Kraut er frißt, dem will er sich angeloben.« Die Männer lachten und nickten und Gozzo führte siegreich den Esel zu seiner Hütte.

Jetzt erst erhob sich Wizzelin, der seither Immo nur durch einen Seitenblick begrüßt hatte; mit tiefer Verneigung führte er ihn in das Zelt, zündete einen langen Kienspan an, den er in den Boden steckte, und schloß den Eingang durch eine vorgezogene Decke. »Sprecht leise,« sagte er, »denn meine Kinder sind treu, aber neugierig. Viele Augen sehen nach dem stattlichen Helden und suchen die Geldtasche unter seinem Mantel.«

»Sie öffnet sich gern für dich,« versetzte Immo darnach greifend.

»Laßt noch,« riet Wizzelin, »ich will die Gabe erst verdienen. Auch für euch ersehne ich den Tag, wo die Kriegsbeute ausgeteilt wird und die Scharen der Helden heimwärts ziehen. Ich selbst werde froh sein, wenn ich wieder in die Höfe meiner Thüringe reite. Denn hier schwebt ein Geier über uns und unsicher schlagen wir mit den Flügeln.«

»Doch merke ich, du hast auch hier Gunst gewonnen,« antwortete Immo lächelnd, »ich sah im Vorübergehen manchen ansehnlichen Kriegsmann in deinen Hütten.«

»Einem aber sind wir Fahrende verhaßt,« bekannte Wizzelin zutraulich. »Kein Mönch ist so unhold gegen mein Volk, als der König; und wenn es auf meinen Willen ankäme, so wäre ich drüben beim Heere des Babenbergers, wo die Mehrzahl meiner Genossen weilt und weit besser geehrt wird.«