»Das ist gute Botschaft,« rief Immo, »dort vermag ich dir eher nahe zu sein.«
Aber Hildegard schwieg, ihr Haupt lag schwer an seiner Brust, und ihr junger Leib bebte in seiner Umarmung. »Hoffe das nicht, Immo, denn nicht für ein fröhliches Leben denkt mich der König zu retten, nur weil der große Erzbischof Mitleid mit mir hatte. Sie halten mich fest, wie die frommen Mütter sagen, damit ich nicht gleich einer Dirne auf die Straße geschleudert werde. Mein unglücklicher Vater!« rief sie mit gerungenen Händen. »Geh' von mir, Immo, denn Elend ist mein Los, und meinem Vater droht das Verderben.«
Immo wußte wohl, daß der König damals, als er dem Geschlecht des Hezilo Abzug aus der Festung gestattete, den Grafen Gerhard mit seinem Gesinde aus dem Zuge der Entweichenden herausgerissen hatte, um ihn für seine Rache zu bewahren. Seitdem konnte niemand sagen, was mit dem Grafen geschehen war. Deshalb frug Immo sorgenvoll: »Vernahmst du, wo er weilt?«
»Er liegt im Turm der Stadt gefangen, ich war bei ihm und er begehrt in seiner Not nach dir. Eile, Immo, denn kurz ist, wie sie sagen, die Frist, welche ihm noch auf dieser Erde gestattet wird. Tröste ihn, wenn du vermagst, und dann komm noch einmal zu mir, damit ich dich segne und dir für deine Liebe danke. Denn, Immo, merke wohl, die Tochter eines entehrten Mannes kann nicht ferner dein Geselle sein. Suche dir die Braut unter den geschmückten Frauen, welche mit der Königin eingezogen sind und sich gleich dir des Sieges freuen; ich aber und mein Geschlecht schwinden dahin wie die flammenden Häuser und die Weiber und Kinder, die ich mit der Peitsche hinaustreiben sah.«
Immo rief unwillig: »Ich hörte immer, die durch ein Band gebunden sind, sollen auch Leid und Liebe miteinander teilen, solange sie leben. Meinst du, Hildegard, daß ich dich losbinde von deiner Pflicht gegen mich? Mein bist du, aus der brennenden Stadt habe ich dich getragen und was sie auch über dich ersinnen, solange ich atme, darfst du dich niemandem geloben als mir, nicht der Königin und nicht den Heiligen. Zur Stelle suche ich deinen Vater auf, ob ich ihm nützen kann.« Er hob ihr gesenktes Antlitz mit der Hand zu sich herauf und sah ihr in die Augen. Lange dachte er an die heiße Liebe, mit der sie ihn bei diesem Scheiden ansah. »Morgen bei guter Zeit bringe ich Botschaft,« rief er noch an der Tür.
Am Fuß der Turmtreppe sprach der Wärter zu Immo: »Ihr werdet den Grafen in unehrlicher Gesellschaft finden, wenn euch beliebt, jetzt hineinzugehen. Einer seiner Fechter ist bei ihm, er hat ihn gefordert; ich rate, daß ihr harret, bis der ruchlose Mann gewichen ist.«
»Öffne doch,« versetzte Immo, »er hat mich dringend begehrt.«
Als Immo mit dem Schließer eintrat, sah er den Grafen auf einer Holzbank sitzen, und vor ihm stand Sladenkop, der Fechter, ein unförmlicher Gesell mit Armen und Beinen, die aussahen, als ob sie von einem riesigen Tiere genommen wären, mit kleinen scharfen Eberaugen, kurzer Stirn und borstigem Haar. Die Miene des Mannes war verlegen und sein Gesicht gerötet. Immo wandte den Blick mit mehr Teilnahme auf den Grafen. Denn sehr bekümmert erschien dieser, die Augen lagen tief und fuhren ängstlich umher, er war hagerer geworden und sein Kopf stand nicht mehr so trotzig zwischen den Schultern wie sonst, sondern hing ein wenig nach vorwärts. Immo grüßte und winkte dem Schließer abzutreten, welcher mit einem argwöhnischen Blick auf den Fechter sagte: »ich harre draußen an der Tür, wenn ihr mich ruft.«
»Ich freue mich, Immo,« antwortete der Graf dem Gruße, »daß du nicht verschmähst mich aufzusuchen, obwohl ich im Unglück bin. Immer hat dein Geschlecht mir edle Art gezeigt und gute Freunde sind wir von neulich, wo du in meiner Halle saßest und wo du in meinem Lager den Würzwein trankest. Jetzt verläßt mich alles, sogar dieser Köter,« er wies auf den Fechter. »Betrachte seine Arme, so habe ich ihn gefüttert, und mir hat er sein Leben gelobt, jetzt aber sträubt er sich, mir im Kampfe einen Vorteil zu geben.«