Am andern Morgen fuhr der Freiherr mit dem Document zu seinem Rechtsfreund, ersuchte ihn, dasselbe durchzusehen und die nöthigen Ermittelungen anzustellen. Er selbst stieg die schwarze Treppe zur weißlackirten Pforte des Herrn Ehrenthal hinauf.
Ehrenthal war entzückt über das Glück, welches ihm widerfuhr, er warf seinen Schlafrock mit Blitzeseile ab und bestand darauf, der Herr Baron möge ihm die unendliche Ehre erweisen, bei ihm zu frühstücken. Der Freiherr war human genug, das nicht ganz auszuschlagen; er wurde in das distinguirte Putzzimmer des Hauses geführt und sah mit innerer Heiterkeit über die auffallenden Farben der bunten Vorhänge, den rothen Plüsch des Sophas, den unsaubern Fußboden und die zahlreichen schlechten Oelbilder an den Wänden, dicke Farbenmassen, welche wahrscheinlich auf dem Trödel gekauft waren und schwärzlichen Baumschlag aus irgend einem unreinlichen Welttheil darstellten. Die schöne Rosalie trat nach einer Weile selbst herein mit rabenschwarzen Hängelocken, in rauschendem Seidenkleid, machte eine tiefe Verbeugung und besetzte den Frühstückstisch. Es war dem Freiherrn eine stille Unterhaltung, zu beobachten, wie die gezierte Haltung der Tochter mit dem kriechenden Wesen des Vaters contrastirte, und der gute Herr freute sich schon darauf, wie er auf den Abend beim Theetisch der Baronin und seiner Lenore dies wunderliche Gemisch von Luxus und Unbehülflichkeit schildern würde. So saß er auf dem Sopha und sah mit freundlichem Lächeln auf den Händler. Herr Ehrenthal saß ihm gegenüber und freute sich auch und auch sein Mund lächelte verbindlich. Endlich sagte der Freiherr, nachdem er der schönen Tochter des Hauses einige artige Worte gegönnt hatte: »Kennen Sie einen Herrn Pinkus, lieber Ehrenthal?«
Die Tochter verschwand bei diesen geschäftlichen Andeutungen, der Vater rückte sich auf seinem Stuhle zurecht. »Ja, ich kenne ihn,« sagte er kühl, »er ist ein kleiner Geschäftsmann; ich glaube auch, daß er ist ein ehrlicher Mann. Er ist nicht von Bedeutung, er macht seine Geschäfte nach Polen zu.«
»Haben Sie diesem Herrn etwas von meinem Wunsche gesagt, eine Hypothek zu kaufen?« frug der Freiherr weiter.
»Was sollte ich es ihm sagen?« antwortete Ehrenthal; »ist er gewesen bei Ihnen wegen einer Hypothek,« fuhr er kopfschüttelnd fort, »so hat er es erfahren von einem andern Geschäftsmann, mit dem ich darüber gesprochen. Der Pinkus ist ein kleiner Mann, was kann er bringen eine Hypothek für Sie?« Hier deutete Herr Ehrenthal durch eine Handbewegung an, wie klein Pinkus sei, und hob die Augen in die Höhe, gleichsam um die unermeßliche Höhe des Barons anzudeuten.
Der Baron erzählte ihm darauf, welche Hypothek der Unterhändler ihm angeboten habe, und frug nach den Gütern und Verhältnissen des Grafen.
Herr Ehrenthal wußte nichts Näheres, besann sich aber, daß ein respectabler Geschäftsmann aus jener Gegend in der Stadt sei, und erbot sich, diesen Mann aufsuchen zu lassen und in die Wohnung des Freiherrn zu senden.
Das nahm der Freiherr an und erhob sich. Ehrenthal begleitete ihn die Treppe hinunter bis in den Hausflur und sagte beim Abschiede: »Seien Sie vorsichtig mit der Hypothek, Herr Baron, es ist schönes Geld, und es giebt viele schlechte Hypotheken, aber es giebt auch gute Hypotheken, und es wird viel geschwatzt von manchen Geschäftsleuten zur Empfehlung ihrer Sachen. Und was den Löbel Pinkus betrifft, so ist er nur ein kleiner Mann, er wird nicht viel haben vom Geschäft, aber er ist, so weit ich ihn kenne, ein ehrlicher Mann. Was Sie mir von der Hypothek sagen, scheint gut, aber doch bitte ich unterthänig, Herr Baron, seien Sie vorsichtig.«
Da der Freiherr durch diese wortreiche Rede um nichts klüger geworden war, so ging er in seine Wohnung und erwartete mit Ungeduld die Ankunft des fremden Geschäftsmanns. Dieser ließ nicht lange auf sich warten. Diesmal war es ein Herr Löwenberg, in seiner Erscheinung ein Seitenstück zu Ehrenthal und Pinkus. Nur war er etwas hagerer und trug als Mann aus der Provinz ein schweres spanisches Rohr und in der Hand eine Mütze. Er gab sich als Weinkaufmann zu erkennen und zeigte sich über die betreffenden Güter und die Verhältnisse des Grafen sehr gut unterrichtet. Er erzählte, daß der gegenwärtige Besitzer noch jung sei und im Auslande lebe, daß der verstorbene Vater desselben etwas bunt gewirthschaftet habe, dagegen sei jetzt bessere Ordnung eingeführt, man erzähle Gutes von dem Erben, und wenn auch Capitalien auf den Gütern ständen, so habe die Familie doch so viele Mittel, daß an eine Gefährdung ihres Besitzes gar nicht zu denken sei. Die Güter seien noch nicht auf hoher Culturstufe, jedenfalls sei aber viel daraus zu machen, und er hoffe, der junge Graf werde der Mann dazu sein. Alles, was er sagte, war nicht übertrieben, es klang recht nüchtern und verständig. Das Ganze war entschieden günstig, und als der Fremde den Baron verließ, war dieser fest entschlossen, das Geschäft zu machen. Um nichts zu versäumen, ging er noch zu einem seiner Bekannten und zog Erkundigungen ein. Was er erfuhr, war nicht viel, aber auch nicht ungünstig. Die Hauptsache war, daß die Familie eine sehr alte und in ihrer Provinz angesehene Familie war, und daß der verstorbene Graf Zaminsky wild gewirthschaftet hatte. Bevor er nach Hause fuhr, erhielt er einen Gegenbesuch des Herrn Ehrenthal, welcher ihn benachrichtigte, daß die Wolle der Schafe auf diesen Gütern allerdings nicht fein sei, und dagegen vom Freiherrn erfuhr, daß er vor Allem noch das Gutachten seines Rechtsfreundes abwarten wolle, bevor er sich entschließe.