Das kleine Comtoir Ehrenthals lag im Wohnhaus zu ebener Erde und hatte seinen einzigen Eingang von dem Hausflur. Es war gegen Abend, als Herr Ehrenthal in das Comtoir trat, wo Itzig gelangweilt vor einem Buch weißen Briefpapiers saß und die Ankunft seines Meisters erwartete. Ehrenthal war in großer Aufregung, er legte seinen Stock auf den Tisch, vergaß aber seinen Hut abzunehmen und schritt unruhig in dem Raume auf und ab.

Itzig dachte: »Was thut der Mann? Was hat er, daß er so in Sorgen ist?« Da trat Ehrenthal vor Itzig und sagte mit Eifer: »Itzig, heut werden Sie zeigen, ob Sie verdienen, daß Sie Brod bei mir haben und den Mittagstisch, den ich Ihnen gebe wegen Ihrer Bildung.«

»Was soll ich thun?« sprach Veitel und erhob sich von seinem Sitz.

»Erst werden Sie mir rufen den Löbel Pinkus, dann werden Sie mir bestellen eine Flasche Wein und zwei Gläser, und dann gehen Sie fort, ich brauche Sie heut nicht mehr. Sie sollen mir aber gehen und herausbringen, an wen der Justizrath Horn, welcher wohnt am Markte, heut geschrieben hat nach Rosmin, außerhalb der Provinz, und wenn er heut nicht geschrieben hat, an wen er morgen schreibt. Ich werde Ihnen geben fünf Thalerstücke, damit Sie das können erfahren. Wenn Sie mir heut Abend noch Antwort bringen, so sollen Sie außerdem haben einen Ducaten.«

Veitel erglühte innerlich, entgegnete aber mit dem Schein von Kälte: »Ich kenne keinen von den Schreibern des Justizraths und brauche Zeit, bis ich machen kann ihre Bekanntschaft. Morgen Abend sollen Sie Antwort haben, Sie können mir aufheben den Ducaten auf morgen.«

»Wenn Sie Bescheid bringen, kommen Sie zu jeder Zeit, und wenn es wäre nach Mitternacht,« rief ihm Ehrenthal nach.

Itzig sprang die Treppe hinauf, bestellte in der Küche eine Flasche Wein und lief dann als Spürhund auf die Straßen.

Unterdeß schritt Herr Ehrenthal, den Hut auf dem Kopfe, die Hände auf dem Rücken, immer noch in dem Comtoir auf und ab, und nickte dabei mit dem Haupt wie eine Pagode. So sah er in dem Halbdunkel des Zimmers aus wie ein dickes schwarzes Gespenst, das seinen abgeschlagenen Kopf nicht fest auf den Schultern halten kann.

Veitel führte auf seinem Gange lebhafte Unterhaltung mit sich selbst. »Was ist los?« frug er, »es muß ein großes Geschäft sein und soll mir bleiben ein Geheimniß. Ich soll den Pinkus holen. Der Pinkus ist gewesen vor einigen Tagen beim Ehrenthal, und den Tag darauf ist er gefahren auf's Land zum Baron Rothsattel. Das Geschäft ist also über den Baron. Und der Ehrenthal will Einem vorsetzen ein Glas Wein, der Pinkus bekommt keinen Wein, es muß sein ein Anderer, es wird nicht sein der Baron selbst, denn den Edelmann führt er nicht auf's Comtoir, der muß oben hinauf zum rothen Plüsch. — Wenn der Pinkus zu thun hat bei dem Geschäft mit dem Baron, so kann er nur haben gestellt das Sprenkel für den Rothschwanz, und der jetzt Abends kommt, den ich nicht sehen soll, der muß sein der Treiber, — und der Ehrenthal selber? Als er heut herunter ging mit dem Baron, habe ich gehört, wie er sagte. »Seien Sie vorsichtig!« Folglich ist der Alte der Scheucher. Wenn der Ehrenthal scheucht, so muß es sein ein großes und ein delicates Geschäft.« Bei diesem Punkte seines Monologs war Veitel vor der Herberge angekommen, er bestellte seinen Wirth, der eilig aus dem Laden in seine Stube lief, sich einen besseren Rock anzuziehen, und ging dann im Selbstgespräch weiter. »Wenn der Schreiber, der die Briefe aus dem Geschäft des Justizraths trägt, um sieben Uhr zur Post geht, und ich die Adresse von den Briefen lesen könnte, so würde ich mir ersparen die fünf Thaler,« überlegte er weiter. »Es geht nicht,« setzte er bekömmert hinzu, »er giebt die Briefe in einem Haufen in das Postloch hinein, der Postmann ist zu schnell, ich werde nicht lesen können die verkehrten Adressen. — Vielleicht kann ich's doch möglich machen; der die Briefe auf die Post trägt, ist gewöhnlich ein junger Mensch, vielleicht kann ich über ihn kommen. Und geht's nicht so, so geht's anders, ich kenne einen Schreiber von einem Justizmann, welcher schon manchen Groschen von mir verdient hat. Die Schreiber kennen einander alle. Wenn ich ihm zwei Thaler gebe, besorgt er mir das Verzeichniß der Briefe von seinem Collegen, drei Thaler will ich sparen.«