Nachdem Veitel diesen Entschluß gefaßt hatte, ging er in das Haus des Rechtsanwalts und stellte sich, wie Jemand erwartend, so auf, daß er das Amtslocal im Auge hatte; es war kurz vor dem Schluß der Sprechstunde; mehrere Menschen, welche den vielbesuchten Notar consultirt hatten, kamen die Treppe herab. Endlich polterte ein eiliger Schritt, ein junger Mann stürzte mit einem Packet Briefe zum Hause hinaus. Veitel setzte ihm in langen Schritten nach, machte an der nächsten Ecke eine Schwenkung und stand vor dem Schreiber. Er berührte seinen Hut: »Sie sind aus dem Geschäft des Justizrath Horn?« — »Ja,« sagte der Schreiber eilig und wollte weiter gehen.
»Ich bin aus der Provinz und warte seit drei Tagen auf einen dringenden Brief vom Herrn Justizrath, ich bin heut gekommen, um ihn zu sprechen, vielleicht haben Sie selbst einen Brief an mich aufzugeben auf der Post.«
Mißtrauisch sah der Schreiber ihn an und frug: »Wie heißen Sie?« Veitel griff in die Tasche, holte schnell ein Achtgroschenstück hervor und sagte: »Ich will nichts Unrechtes von Ihnen, junger Mann, ich will nur, daß Sie die Gefälligkeit haben und mich lassen nachsehen, ob ein Brief für mich da ist.«
»Ich kann Ihr Geld nicht nehmen,« erwiederte der Schreiber kurz, im Begriff, weiter zu gehen. »Wie heißen Sie denn?«
»Bernhard Magdeburg aus Ostrau,« sagte Veitel schnell, »es kann aber der Brief auch sein an meinen Onkel.«
»Es ist kein Brief für Sie darunter,« antwortete der Schreiber, flüchtig die Adressen auseinanderhaltend.
Veitels Augen starrten auf die Briefe, als wollten sie das Papier durchbrennen, es war ihm aber nicht möglich, mit den Augen der Handbewegung des Schreibers zu folgen. Er faßte daher mit schnellem Griff das Bündel Briefe, und während der erzürnte Schreiber ihn von der andern Seite packte und rief: »Was fällt Ihnen ein, Herr, wie können Sie sich unterstehen!« las er mit fliegender Eile die Aufschriften, gab die Briefe in einer verzweifelten Ruhe zurück und sagte, an den Hut greifend: »Ich danke Ihnen, es ist nichts für mich darunter.« Der empörte Schreiber wollte ihn halten: »Herr, wie können Sie diese Unverschämtheit haben! —«
»Versäumen Sie nicht die Post,« sagte Veitel gutmüthig, »ich gehe jetzt selbst zum Herrn Justizrath.« Damit drehte er sich schnell auf das Haus zu und entkam dem Schreiber, welcher einen Augenblick ganz erstarrt über die Frechheit dastand und endlich nach der Post stürzte, die versäumte Zeit nachzuholen.
Veitel hatte nur wenig Adressen in seinem Gedächtniß behalten trotz seiner schnellen Beobachtungsgabe. »Vielleicht ist damit der Ducaten verdient,« sagte er; »wo nicht, so schadet's auch nichts.« Er schlich langsam auf Umwegen nach seinem Comtoir zurück, stellte sich an die Thür und horchte. Der würdige Pinkus sprach, aber es wurde leise geredet, und Veitel konnte nur wenig verstehen. Endlich wurden die Stimmen lauter und es klang wie Zank zwischen den beiden Herren.
»Wie können Sie fordern eine so große Summe für den einen Weg?« rief Ehrenthal zornig; »ich habe mich in Ihnen getäuscht, wenn ich Sie habe gehalten für einen zuverlässigen Mann.«