Veitel eilte hinüber in die Herberge und suchte nach dem entflohenen Geschäftsmann. Dieser hatte sich in seine Stube zurückgezogen, in welcher auch er aufgeregt auf und ab lief und alle Anzüglichkeiten, die ihm Ehrenthal vorgeworfen hatte, mit Ingrimm verarbeitete.
Veitel öffnete die Thür und sagte mit Energie: »Pinkus, ich komme vom Ehrenthal, ich will, daß Sie nehmen hundert Thaler und helfen meinem Rebb; ich will, daß Sie nicht als schlechter Mensch an ihm handeln. Wenn Sie etwas von ihm wissen, was ihm schaden kann bei dem Baron, so weiß ich etwas von Ihnen, was Ihnen schaden wird bei der Polizei.«
Der Pinkus stand still und unterdrückte einen Fluch, den er gegen Veitel auf seinen Lippen hatte. »Ich bin ein ehrlicher Mann,« rief er trotzig, »und brauche mich vor der Polizei nicht zu fürchten.«
»Sie wird fragen, was Sie für ein Waarenlager halten in dem Hause daneben, und von welchen Leuten Sie gekauft haben Ihre Waaren. Ich will Sie aber nicht zu Schaden bringen; Ehrenthal soll Ihnen geben hundert Thaler, und Sie werden mir geben von jetzt ab in Ihrem Hause eine Stube und ein Bett gegen billige Miethe, und werden mich nicht mehr behandeln als Bocher, sondern als Geschäftsmann, welcher so gut ist wie Sie.«
Pinkus war überrascht, besiegt, gefangen; er sprudelte noch eine Weile auf, focht mit Händen und Füßen gegen eine feindliche Luft, welche ihm keinen Widerstand leistete; er beschwor häufig seine Ehrlichkeit und mischte starke Klagen gegen Ehrenthal hinein, bis die Wellen seiner sittlichen Entrüstung allmälig kleiner und kürzer wurden, und zuletzt in seiner Seele ein anmuthiges Wellengekräusel entstand, als Zeichen, daß sie brauchbar geworden für alle guten Werke des Friedens.
Veitel hatte, an den Ofen gelehnt, diese Umwandlung ruhig abgewartet und führte jetzt den Versöhnten im Triumph zu Ehrenthal zurück. Hier maßen die beiden würdigen Männer einander zuerst mit feindseligen Blicken, dann schüttelten sie einander die Hände und versicherten sich gegenseitig ihrer Hochachtung, während Veitel wieder als Genius des Friedens daneben stand und Beide mit einem Gefühl betrachtete, welches der entschiedenste Gegensatz von Hochachtung war. Pinkus steckte ein Cassenbillet von hundert Thalern ein und empfahl sich, da seine Hülfe bei der großen Operation nicht mehr nöthig schien, und Veitel öffnete kurz darauf die Thür für Herrn Löwenberg, den Geschäftsmann aus der Provinz, und lächelte innerlich, als Ehrenthal fast bittend sagte: »Lieber Itzig, Sie können jetzt gehen.« Er ging diesmal, ohne am Schlüsselloch zu horchen, zufrieden nach Hause und bezog noch denselben Abend ein kleines Zimmer im ersten Stock des Pinkus, trank das Glas Liqueur und aß das Bratenstück, welches Frau Pinkus ihm vorsetzte.
Unterdeß sagte Herr Ehrenthal zu Löwenberg, als Beide bei einem Glas Wein gemüthlich einander gegenüber saßen: »Ich habe erfahren, daß der Justizrath Horn sich Auskunft holt über die Hypothek bei dem Justizcommissarius Walther in Ihrem Orte. Ist etwas zu machen mit diesem Mann?«
»Es ist nichts zu machen mit Geld,« erwiederte der Mann aus der Provinz nachdenklich, »aber es wird etwas zu machen sein auf andere Weise. Er weiß nicht, daß ich selbst von dem Bevollmächtigten des Grafen den Auftrag habe, zu verkaufen diese Hypothek. Ich werde hingehen zu ihm in meinen Geschäften und werde mir einen Vorwand nehmen, ihm zu loben das Gut und die Verhältnisse des Grafen; vielleicht sage ich ihm sogar, daß ich Lust habe zu kaufen diese Hypothek.«
Kopfschüttelnd sagte Ehrenthal: »Wenn er kennt den Grafen und sein Gut, so wird Ihr Lob noch nicht helfen, daß er einen günstigen Brief hierher schreibt.«