Am nächsten Sonntage ging Anton nach dem Hause des Vaters Sturm.
Die Wohnung des obersten Aufladers war ein kleines Haus am Flusse, unweit des Packhofes; es war sein Eigenthum und zeichnete sich durch die Rosafarbe seines Anstrichs vor den Nachbarhäusern schon von Weitem aus. Anton öffnete die niedrige Thür und wunderte sich, wie dem Riesen überhaupt möglich sei, sich in einen so kleinen Bau einzupacken. Und als der alte Sturm aufstand, ihn zu begrüßen, da wurde ihm klar, daß eine unaufhörliche Geduld des mächtigen Mannes nöthig war, um diese Wohnung zu ertragen. Denn wenn er sich mit aller Kraft ausstreckte, so mußte er unfehlbar Decke und Wände zerreißen und mit Kopf und beiden Fäusten in die freie Luft hineinragen. Der riesige Mann stand vergnügt über den Besuch ohne Rock und Weste vor ihm und hielt ihm grüßend seine Hand entgegen, welche wohl im Stande war, einen Kürbis von mäßiger Größe zu umspannen.
»Ich freue mich sehr, Sie in meinem Hause zu sehen, Herr Wohlfart,« sagte Sturm und faßte so zierlich, als es ihm möglich war, Antons Hand.
»Es ist etwas klein für Sie, Herr Sturm,« antwortete Anton lachend, »Sie sind mir noch nie so groß vorgekommen, als in diesem Zimmer.«
»Mein Vater war noch größer,« antwortete Sturm wohlgefällig und richtete sich hoch auf, so daß sein Kinn auf dem obern Rande des Ofens ruhte, »so groß war mein Vater,« sagte er und wies auf den bunten Farbensaum längs der Decke, an welchem mehrere Marken mit Bleistift gezeichnet waren. »So groß war er und noch breiter. Er war Aeltester der Auflader und der stärkste Mann am Orte, und doch hat ihn ein Faß, nicht halb so hoch als Sie, zu Tode gebracht. Hier nehmen Sie Platz, Herr Wohlfart.« Er rückte ihm einen Stuhl von Eichenholz hin, der so schwer war, daß Anton Mühe hatte, ihn von der Stelle zu heben, und setzte sich mit Geräusch auf eine Bank. »Mein Karl hat mir gesagt, daß er Sie besucht hat, und daß Sie sehr freundlich gegen ihn waren. Er ist ein guter Junge und ich habe meine Freude an ihm, aber er ist doch aus der Art geschlagen. Seine Mutter war eine kleine Frau,« setzte Herr Sturm traurig hinzu und griff nach einem Glase Bier, welches mehr als ein Quart faßte, setzte das Glas an und nicht eher wieder auf den Tisch, bis der letzte Tropfen daraus verschwunden war.
»Es ist Faßbier,« sagte er entschuldigend, »darf ich Ihnen ein Glas anbieten? Es ist Herkommen bei unserm Geschäft, kein anderes zu trinken; dies freilich trinkt man den ganzen Tag, denn unsere Arbeit macht warm.«
»Ihr Sohn hat, wie ich höre, Lust, in Ihre Corporation zu treten,« lenkte Anton ein.
»Unter die Auflader?« frug der Riese. »Nein, dies wird er nicht, niemals.« Er legte seine Hand vertraulich auf Antons Knie. »Er wird es nicht, meine Selige hat mich auf dem Todtenbette darum gebeten. Warum? Darum! Unsere Arbeit ist respectabel, Sie wissen das selbst am besten, Herr Wohlfart. Wir sind Männer, welche ein Vertrauen haben, wie wenig andere. Es ist eine Ehre, Auflader der Kaufmannschaft zu werden, um die sich Hunderte bei mir bewerben, und nicht Einen lassen wir zu. Es giebt Wenige, welche die Kraft haben, und noch Wenigere, welche etwas Anderes haben.«