»Die Ehrlichkeit,« sagte Anton.
»Ganz recht,« nickte Sturm, »daran fehlt's auch den Starken. Alle Tage jede Art Waare in Tonnen und Kisten in größter Quantität vor sich zu haben und darum zu hantieren, wie um eigenthümliche Sachen, und niemals die Hand hineinzustecken, das ist leider nicht Jedermanns Gewohnheit. Also Sie wissen, wir halten auf uns. Und die Einnahmen sind nicht schlecht, ja, sie sind gut. Meine Selige hielt noch auf Sparbüchsen und Strümpfe und solches Zeug. Als sie starb, fand ich den ganzen Grund ihres Kastens mit zugebundenen Strümpfen zugestopft, die neben einander standen, wie die fetten Lerchensteiße in der Schachtel. Alles für unsern Karl, und es war nicht nur Silber, es war auch Gold dabei. Sie war eine sparsame Frau und hob Alles auf. Das ist nun meine Art nicht. Denn warum? — Wer praktisch ist, braucht um das Geld nicht zu sorgen, und der Karl wird ein praktischer Mensch. Aber nicht als Auflader,« fügte er kopfschüttelnd hinzu, »meine Selige wollte das nicht haben, und sie hat Recht.«
»Ihre Arbeit ist sehr anstrengend,« stimmte Anton bei.
»Anstrengend?« lachte Sturm, »sie mag wohl anstrengend sein für Einen, der nicht die Kraft hat, so anstrengend, daß ihm der Rücken darüber zerbrechen kann; aber es ist nicht die Anstrengung, es ist noch etwas Anderes. Dies ist es!« bei diesen Worten holte er einen großen Krug aus der Ecke und goß sein Glas voll. »Das Faßbier ist es.«
Anton lächelte. »Ich weiß, Sie und Ihre Collegen trinken viel von dem dünnen Getränk.«
»Viel,« sagte Sturm mit Selbstgefühl, »es ist bei uns Geschäftsbrauch, es ist Herkommen, es ist von je bei den Aufladern so gehalten worden; sie müssen Kräfte haben, sie müssen treue Männer sein und sie müssen Faßbier trinken. Es ist Bedürfniß bei unserer Arbeit, wer's nicht thut, hält's nicht aus; Wasser trinken macht uns schwach, und Wein und Branntwein gleichfalls, nur Faßbier thut's, dies und Provenceröl. Sehen Sie, Herr Anton, so: —« Der Riese streckte den Arm aus und holte ein kleines Glas von dem Gestell, füllte es zur Hälfte mit feinem Baumöl, zur andern Hälfte mit Bier, that eine Menge Zucker in die Mischung und trank zu Antons Schrecken die widerwärtige Flüssigkeit aus. »Das macht stark,« sagte er, »es ist ein Geheimniß unserer Zunft, es erhält die Kraft und macht solche Arme,« er legte stolz seinen Arm auf den Tisch und versuchte ihn mit seiner Hand vergebens zu umspannen. »Aber es ist ein Haken dabei,« fügte er leiser hinzu. »Es wird Keiner von uns über fünfzig Jahre alt. Haben Sie schon einen alten Auflader gesehen? Sie haben keinen gesehen, denn es giebt keinen. Funfzig Jahre ist das Höchste, was einer erreicht, länger duldet's der Biergeist nicht. Mein Vater war funfzig, als er starb; der, den wir neulich begraben haben, — Herr Schröter war mit beim Begräbniß, — der war neunundvierzig. Ich habe noch ein paar Jahre bis dahin,« setzte er wie zur Beruhigung hinzu.
Anton blickte besorgt in das ehrliche Gesicht des Aufladers. »Aber Sturm, wenn Sie das wissen, warum sind Sie nicht mäßiger?«
»Mäßig?« frug Sturm verwundert, »was ist mäßig? Es steigt Keinem von uns in den Kopf. Vierzig Halbe in einem Tag ist nicht viel, wenn man's nicht merkt.«
Anton sah den Auflader ungläubig an.
»So viel trinke ich,« sagte Sturm. »Der, den wir neulich begraben haben, konnte noch mehr vertragen; er hatte aber auch Wochen, wo er noch stärker war, als ich. Sehen Sie, Herr Wohlfart, deßhalb aber soll mein Karl nach dem Willen der Seligen lieber etwas Anderes werden. Es ist, unter uns Männern gesagt, mit dem ganzen Alter nur dummes Zeug. Auch von den Menschen, welche keine Auflader sind, werden die wenigsten älter als funfzig. Sie sterben an allen möglichen Krankheiten von den Windeln an fortwährend dahin, und an lauter Krankheiten, die wir Auflader nicht kennen. Aber meine Selige hat's einmal so gewollt, und so mag's drum sein.«