»Ja, Sie haben Recht, es ist jammerschade,« nickte Lenore beistimmend ihrem alten Freunde zu. »Aber man muß es mit Geduld ertragen. Um die Molkerei will ich mich kümmern, ich werde von heut ab alle Tage beim Buttern sein. Wie steht das Korn jetzt? Sie haben ja neulich nach der Stadt gefahren.«

»Ja,« sagte der Alte gedrückt, »der gnädige Herr hatten so befohlen, ich weiß nicht, was er genommen hat. Er hat den ganzen Schüttboden schon im Winter an Händler verkauft auf Lieferung.« »Sehen Sie,« fuhr er bekümmert fort und schüttelte seinen weißen Kopf, »sonst verkaufte ich, und ich schrieb's in's Buch und strich das Geld ein und zählte es dem Herrn Baron auf, jetzt kann ich in meinem Buch die Einnahmen nicht mehr notiren; wenn die Seite zu Ende ist, mache ich einen Strich, aber ich ziehe keine Summe mehr.«

Lenore hörte, die Hände auf dem Rücken, die Klage theilnehmend an. »Hm! Es wird eine von den neuen Einrichtungen sein. Grämt Euch nur nicht darüber, mein Alter. Ich will, so oft Papa nicht da ist, Nachmittags mit Ihnen auf das Feld gehen oder Sie dort aufsuchen. Sie sollen Ihre Pfeife dabei rauchen. Wie schmeckt's in dem neuen Kopf, den ich Ihnen mitgebracht habe?«

»Er ist dick angeraucht,« sagte der Amtmann schmunzelnd und zog zur Bekräftigung seine kurze Pfeife halb aus der Tasche. »Aber um wieder auf den Rappen zu kommen, der Herr Baron wird sehr böse sein, wenn er das Malheur erfährt, und wir können doch nichts dafür.«

»Ei was,« sagte Lenore, »wenn wir nichts dafür können, wollen wir's ruhig abwarten. Gute Nacht, Amtmann. Gehen Sie mir zurück zu dem Pferde.«

»Zu Befehl, gnädiges Fräulein, und gute Nacht auch für Sie,« sagte der Amtmann.

Noch immer saß die Baronin allein unter den schwellenden Knospen der immergrünen Rose, auch sie dachte an ihren Hausherrn, der sonst selten an ihrer Seite gefehlt hatte, wenn sie die warmen Frühlingsabende im Freien zubrachte. Ihr Gemahl war anders geworden. Er war herzlich und liebevoll gegen sie, wie immer, aber er war oft zerstreut und abgespannt und wieder reizbarer und durch Kleinigkeiten verstimmt, seine Fröhlichkeit war lauter, und sein Bedürfniß nach Herrengesellschaft größer als vordem. Sein Haus, ja sie selbst, übte geringere Anziehungskraft aus als sonst, und sie frug sich immer wieder, ob solche Veränderung die trübe Folge davon sein konnte, daß der rosige Hauch der Jugend von ihrer Stirn schwand. Mit diesem Gefühl rang sie und suchte ängstlich nach anderen Gründen für die häufige Abwesenheit des geliebten Mannes.

»Ist der Vater noch nicht zurück?« frug Lenore zu ihr tretend. »Es fuhr ein Wagen auf der Landstraße.«

»Nein, mein Kind,« sagte die Mutter, »er hat wohl in der Stadt zu thun, es ist möglich, daß er erst morgen zurückkommt.«