»Ich bin nicht zufrieden damit, daß Papa jetzt so viel in der Stadt ist und bei den Nachbarn umherfährt,« sagte Lenore; »es ist lange her, daß er uns des Abends nicht mehr vorgelesen hat.«
»Er will, daß du meine Vorleserin wirst,« sagte die Mutter lächelnd. »Du sollst es auch heut Abend sein, hole ein Buch und setze dich artig neben mich, du Ungeduld.«
Lenore verzog schmollend den kleinen Mund, und statt das Buch zu ergreifen, setzte sie sich neben die Baronin, umschlang sie mit beiden Armen und sagte, das Haupt der Mutter an sich drückend und ihr das Haar streichend: »Liebes Herz, auch du bist traurig, du hast Kummer, hast du Sorge um den Vater? Er ist nicht so, wie er früher war. Ich bin kein Kind mehr, sage mir, was er treibt.«
»Du bist thöricht,« antwortete die Baronin mit ruhiger Stimme. »Ich habe nichts vor dir zu verbergen. Wenn dein Vater wirklich etwas hat, was ihn von uns fortzieht, so dürfen wir Frauen nicht darnach fragen, es ist an uns, zu warten, bis die Stunde kommt, wo der Herr des Hauses uns sein Herz öffnet.«
»Und unterdeß sollen wir uns ängstigen, vielleicht um ein Nichts?« rief Lenore.
»Wir sollen uns mühen, ruhig zu sein, und wenn wir vertrauen, wo wir lieben, ist das nicht schwer,« antwortete die Baronin, sich aus dem Arm Lenorens aufrichtend.
»Und doch sind deine Augen feucht und du verbirgst mir deine Sorge,« sprach die Tochter. »Wenn du schweigen willst, ich werde es nicht thun, ich werde den Vater fragen.«
»Das wirst du nicht,« sagte die Baronin in bestimmtem Ton.
»Der Vater!« rief Lenore, »ich höre seinen Tritt.« — Die stattliche Gestalt des Freiherrn kam mit schnellen Schritten auf die Laube zu. »Guten Abend, Ihr Heimchen,« rief er schon von Weitem mit heller Stimme. Er schloß Frau und Tochter zugleich in seine Arme und sah ihnen so fröhlich in die Augen, daß die Baronin ihren Schmerz, und Lenore die Frage vergaß. »Es ist hübsch, daß du so früh zurückkommst,« sagte die Hausfrau mit heiterem Lächeln, »Lenore wollte dich heut Abend durchaus neben uns sehen. Der Abend war so schön.«