Der Freiherr setzte sich zwischen die Frauen und frug behaglich: »Kinder, bemerkt Ihr keine Veränderung an mir?«
»Du bist heiter,« sagte die Baronin ihm in's Auge sehend, »sonst wie immer.«
»Du hast deine Uniform angehabt und Besuche gemacht,« sagte Lenore, »ich sehe es an der weißen Cravatte.«
»Ihr habt beide Recht,« antwortete der Baron, »aber ich bringe doch noch etwas: der König hat die Huld gehabt, mir den Orden zu verleihen, den der Vater und Großvater getragen haben; es freut mich, daß das Kreuz in unserer Familie fast erblich wird. Und mit dem Orden kam ein gnädiges Schreiben des Prinzen, worin er mir Glück wünscht und sich sehr freundlich an die Jahre erinnert, die ich in seiner Nähe verlebte, und auch an dich, du vielumworbene Dame des Hofes. Ich wollte, er sähe dich wieder; er wird es für unmöglich halten, daß Jahre vergangen sind, seit er dein Tänzer war.«
»Welche Freude!« rief die Baronin und umschlang den Hals ihres Mannes, »ich habe deiner Toilette den Stern schon seit Jahren gewünscht.« Lenore öffnete unterdeß das Etui und drehte den Orden beim Licht der Kerze hin und her. »Wir machen ihm die Decoration um.« Die Baronin hing ihm das Kreuz um den Hals und küßte loyal erst ihn und dann das Kreuz.
»Nun, wir wissen ja,« sagte der Baron, »was in unserer Zeit von solchem Schmuck zu halten ist. Doch gestehe ich, daß gerade diese Standesdecoration mir die liebste von allen ist. Unsere Familie ist eine der ältesten, und in unserer Linie sind, was freilich ein Zufall ist, niemals Mißheirathen vorgekommen. Dies Kreuz ist gegenwärtig so ziemlich die letzte Erinnerung an die alte Zeit, wo man auf dergleichen noch großen Werth legte. Jetzt tritt eine andere Macht an die Stelle unserer Privilegien, das Geld. Und auch wir sind in der Lage, uns darum bemühen zu müssen, wenn wir unsere Familie in Ansehen erhalten wollen. In dem Briefe des Prinzen ist das Alter der Familie erwähnt und der Wunsch ausgesprochen, daß sie noch viele Generationen, wie bisher, in musterhafter Gentilität, so sind die Worte des Briefes, blühen möge. Du, Lenore, und dein Bruder, Ihr habt dafür zu sorgen.«
»Ich lebe in musterhafter Gentilität,« antwortete Lenore, die Arme übereinanderschlagend. »Und für die Ehre der Familie kann ich nichts thun. Wenn ich heirathe, wozu ich gar keine Lust habe, so muß ich doch einen andern Namen annehmen, und es wird dem alten Ahn in der Rüstung, der oben im Erkerzimmer hängt, ziemlich gleich sein, wen ich zu meinem Herrn mache. Eine Rothsattel kann ich doch nicht bleiben.«
Der Vater lachte und zog die Tochter an sich. »Wenn ich nur wüßte, woher mein Kind diese Ketzereien hat.«
»Sie ist allmählig so geworden,« sagte die Mutter.
»Das wird sich geben,« antwortete der Vater und küßte die Tochter herzlich auf die Stirn. »Hier lies den Brief des Prinzen, ich sehe nach dem Pferde, dann essen wir zusammen im Freien.«