Das Ordenszeichen, eine niedliche Erinnerung an einen gewaltigen Bund geistlicher Ritter, welche Länder erobert und ein eigenes Reich gegründet hatten, warf in die Seele des Freiherrn ein helles Licht, so gleichgültig er sich auch dagegen stellte. Die Glückwünsche seiner zahlreichen Bekannten thaten ihm wohl, und seine Selbstachtung erhielt dadurch eine geheime Stütze, deren sie manchmal bedurfte. So fand ihn nach Verlauf einer Woche auch Ehrenthal, der Händler, als er auf seinem Wege nach einem nah gelegenen Dorfe vorfuhr, nur um dem Freiherrn zu gratuliren. Er hatte bereits seine Abschiedsverbeugung gemacht, als er noch einmal anhielt und die Worte hinwarf: »Der gnädige Herr hatten früher die Idee, eine Zuckerfabrik aus Rüben anzulegen. Ich höre, es ist jetzt im Werk, eine Compagnie zu bilden, welche eine solche Fabrik ganz in Ihrer Nähe bauen will, ich bin aufgefordert worden, an dem Geschäft Theil zu nehmen, und wollte doch erst fragen, wie der Herr Baron es noch gedenken zu halten in dieser Sache.«

Dem Freiherrn war die Nachricht sehr unangenehm. Seit Jahren hatte er sich mit dem Gedanken getragen, eine gleiche Fabrik auf seinem Grund und Boden zu errichten, er hatte eine Anzahl ähnlicher Unternehmungen besucht, hatte sich Anschläge machen lassen, mit Technikern verhandelt, ja er hatte schon den Platz bezeichnet, auf dem das Etablissement am wenigsten unschön gewesen wäre. Er hatte diesen Plan eine Zeit lang mit großem Eifer verfolgt, allmählig war er ihm weniger lockend erschienen. Die Scheu eines vorsichtigen Mannes vor der neuen und noch unsichern Industrie, die Klagen einiger Bekannten über die Menge der Kosten und vor Allem über die Unruhe und vielen Inconvenienzen, die ein solches Unternehmen in das Leben eines Gutsbesitzers und die Verwaltung seines Gutes bringe, das Alles hatte ihn bewogen, das Project liegen zu lassen und für die nächsten Jahre eine ruhige Anlage seines Capitals mit allerdings mäßigem Zinsengenuß vorzuziehen. Jetzt sollte eine Anlage, die er sich doch für die Zukunft vorbehalten hatte, von Andern ausgeführt werden; es war klar, daß sein eigenes Project dadurch zerstört wurde. Denn zwei gleiche Fabriken in unmittelbarer Nähe mußten sich zuverlässig hindern. Geärgert rief er: »Gerade jetzt, wo ich mir auf einige Jahre die Disposition über die Capitalien genommen habe.«

»Herr Baron,« sagte der Händler mit Herzlichkeit, »Sie sind ein reicher Mann und angesehen in der Gegend. Wenn Sie erklären, daß Sie selbst anlegen wollen diese Fabrik, so geht der Actienverein auseinander an demselben Tage.«

»Sie wissen, daß ich das jetzt nicht kann,« erwiederte der Freiherr unwillig.

»Wenn Sie wollen, gnädiger Herr, so können Sie auch,« entgegnete der Händler mit ehrerbietigem Lächeln. »Ich bin nicht der Mann, der Ihnen zuredet zu einer solchen Fabrik. Was haben Sie nöthig, Geld zu verdienen? Wenn Sie aber jetzt zu mir sagen, Ehrenthal, ich will anlegen eine Fabrik, so steht Ihnen Capital zu Gebot, so viel Sie haben wollen. Ich selbst habe eine Summe von sieben-, von zehntausend Thalern vorräthig, Sie können diese erhalten jeden Tag. — Und ich will Ihnen einen Vorschlag thun. Ich schaffe Ihnen das Geld, welches Sie brauchen, zu billigen Zinsen. Für die Summe, die ich selbst Ihnen gebe, lassen Sie mir einen Antheil am Geschäft bis zu dem Tage, wo Sie mir zurückzahlen mein Geld. Für das übrige Geld, das Sie brauchen, bestellen Sie Hypothek auf Ihr Gut bis Sie zurückzahlen in einigen Jahren die ganze Anleihe.«

Der Vorschlag erschien uneigennützig, ja freundschaftlich, aber der Freiherr fühlte zu lebhaft die große Veränderung, welche ein solches Geschäft in seinem ganzen Leben hervorbringen werde, er sah mit banger Sorge und einem Mißtrauen sowohl gegen sich selbst, als gegen Ehrenthal in eine Zukunft von Verwickelungen. Er verhielt sich deßhalb sehr kühl gegen Ehrenthals Antrag. »Ich danke Ihnen für das Zutrauen,« sagte er, »aber ich will nicht mit fremdem Gelde einrichten, was doch nur aus den Ueberschüssen der eigenen Einnahmen mit Segen erbaut wird.«

Ehrenthal mußte sich mit diesem Bescheide entfernen und sagte nur noch an der Thür: »Der gnädige Herr können sich ja die Sache überlegen, ich getraue mir durch vier Wochen das Actiengeschäft aufzuhalten, damit in dieser Zeit nichts weiter geschieht.«

Nur wer einmal in seinem Leben eine gefeierte Sängerin gewesen ist, kann sich eine Vorstellung von der Fülle unbekannter kleiner Briefe, Packete und Sendungen machen, welche der Freiherr in den nächsten vier Wochen aus der Stadt empfing. Zuerst schrieb Herr Ehrenthal: »Ich habe die Actionäre vier Wochen aufgehalten;« dann schrieb Herr Karfunkelstein, ein Actionär: »Ich höre, daß Sie wollen anlegen eine Fabrik, in diesem Falle stehe ich Ihnen nach.« Dann schrieb wieder Herr Ehrenthal: »Hier ist eine Jahresberechnung einer ähnlichen Fabrik, woraus man kann sehen, was zu gewinnen wäre.« Dann schrieb wieder ein Herr Wolfsdorf: »Es verlautet, daß der Herr umgehe mit einer Fabrik: ich habe Capitalien auszuleihen gegen mäßigen Zinsfuß und würde glücklich sein, wenn ich eine Hypothek erhielte oder am liebsten einen Antheil am Geschäft.« Zuletzt schrieb gar ein undeutlicher Herr Itzigveit: »Der Herr Baron soll das Geschäft nicht machen mit Ehrenthal, wie man in der Stadt erzählt, Ehrenthal ist ein reicher, aber ein interessirter Mann, er soll ihn wenigstens nicht annehmen zum Compagnon; ich der Briefschreiber will ihm viel bessere Capitalien verschaffen und ganz andere Theilnehmer,« worauf Herr Ehrenthal wieder genöthigt war, zu schreiben: »Es werden Intriguen gespielt von meinen Gegnern in der Stadt, um dem gnädigen Herrn anderes Geld zu seinem schönen Unternehmen zu verschaffen; Sie können thun nach Gefallen, ich bin ein ehrlicher Mann und dränge mich nicht vor.«

Der Freiherr war erstaunt zu sehen, wie leicht und massenhaft seinem Namen die Capitalien zurollten, und daß ganz unbekannte Menschen bereit waren, das Unternehmen auf seinem Grund und Boden für ein unfehlbares, glänzendes, beneidenswerthes zu halten. Er hatte in seinen Speculationen bis jetzt entschiedenes Glück gehabt, er hatte die Abneigung vor Geldgeschäften ziemlich vollständig überwunden, ja er hatte sich gewöhnt, einen gewissen Anspruch an die Capitalien Anderer zu machen. Jetzt wurde er allmälig mit dem Gedanken vertraut, das Geld zur Anlage seiner Fabrik von Fremden zu nehmen. Nur Eines widerstand seinem Stolz, den zuvorkommenden Ehrenthal als Theilnehmer zu ertragen; so weit wirkte der Brief des undeutlichen Schreibers. Und er beschloß, im Fall das Unternehmen zu Stande kommen sollte, dem Händler für sein geliehenes Geld festen Zinsfuß zu gewähren. Vier Wochen kämpfte der Freiherr mit innerer Unentschlossenheit, oft war seine Stirn umwölkt, oft sah die Baronin wieder mit stillem Schmerz die Aufregung ihres Gemahls, oft fuhr dieser nach der Stadt oder auf die Güter seiner Bekannten, um ähnliche Anlagen zu besichtigen und sich die möglichen Vortheile aus verschiedenen Anschlägen herauszunehmen. Ueber die projectirte Actiengesellschaft konnte er nichts Sicheres erfahren. Die weniger günstigen Nachrichten, welche er über die Erfolge einzelner Fabrikanten einsammelte, schrieb er auf Rechnung einer natürlichen Furcht vor seiner Concurrenz oder auf die unvortheilhafte Anlage ihres Geschäftes.