Vier Wochen vergingen, und ein neuer Brief von Ehrenthal erschien, worin der Baron dringend gebeten wurde, seinen Entschluß mitzutheilen, weil einzelne von den Actionären gar nicht mehr zu halten wären.


Es war der Abend eines heißen Tages, als der Freiherr unruhig aus dem Wirthschaftshof in's Freie trat. Tief unten am Himmel glänzte ein gelbes blendendes Licht hinter schwarzem Dunst hervor, dicht zusammengeballt hingen die Wolken über seinem Scheitel, wie dunkle Felsen der Luft mit eisigen Gipfeln. Rings um den Herrn des Guts war Schwüle, Muthlosigkeit und bange Ahnung. Im Getreide schwirrten die Grillen lauter als sonst, unaufhörlich tönte ihr warnender Ruf in das Ohr des Herrn. Die kleinen Vögel auf den Bäumen der Landstraße kreischten in den Zweigen, flatterten von einem Baum auf den andern und riefen einander zu, daß etwas Furchtbares über ihre Felder hereinbreche: wir Kleinen werden es überstehen, schrieen sie, aber die Großen mögen sich hüten. Die Schwalben strichen tief am Boden hin und flogen dicht an dem Freiherrn vorüber, als sei er nicht mehr vorhanden, und die Stelle leer, wo er stand. Die wilden Blattpflanzen am Wege ließen saftlos ihre Blätter hängen, sie waren mit häßlichem Staub überzogen und sahen aus wie Gewächse einer untergegangenen Welt, die vor vielen Jahren einmal grün war und Blüthen trug. Eine dicke Staubwolke rollte die Landstraße entlang auf den Herrn zu, die heimkehrenden Gespanne zogen an ihm vorüber. Schwerfällig schritten die Pferde vorwärts und senkten ihre Köpfe in den Geschirren. Die häßliche gelbe Wolke wälzte sich mit ihnen fort und verhüllte die Umrisse ihres Leibes, daß nur die Hälse hervorragten und sie dem Freiherrn aussahen wie schattenhafte Gestalten, welche in der Luft dahinfahren. Nach ihnen kam langsam in drei Haufen die Schafheerde, wieder in Wolken des erstickenden Staubes gehüllt. Die Glöckchen der Thiere klangen dumpf in der dicken Luft, und wie aus weiter Entfernung tönte im Wirbel am Boden bald hier bald dort die Stimme eines geisterhaften Schäferhundes. Und als der Schäfer seinen Herrn grüßend vorüberschritt, sah der Mann so grau und schattenhaft aus, wie ein Gespenst aus dem Grabe, das einst auf der grünenden Erde wirkliche Schafe über das Brachfeld getrieben hatte.

Der Gutsherr blieb stehen an den Pferden und Schafen, er stand vor der welken Königskerze am Grabenrand, er hörte auf die Vögel im Laube, es waren unheimliche Gedanken, die sie ihm gaben. Er ging weiter auf dem Damm am Teiche, wo einst Anton den letzten Blick auf das Herrenhaus geworfen hatte. In rothem Feuer stand das Schloß mit seinen Thürmen und Mauern vor dem Freiherrn, helle Flämmchen brannten auf den Spitzen der Thürme in die Wolken hinein, im Brand leuchteten alle Fensterscheiben des Schlosses, und wie Blutstropfen lagen die rosigen Blumenbüschel auf dem schwarzgelben Laub der Kletterpflanzen. Ueber dem Schlosse aber in der Luft ballte und wälzte sich's, und immer näher kam's in schwarzen Massen heran, um mit Nacht den glänzenden Bau zu verhüllen. Kein Blatt der Bäume bewegte sich, keine Kreiswelle furchte die dunkle Wasserfläche, todt lag sie da, wie ein See der Unterwelt. Der Herr beugte sich hinab und suchte ein Zeichen des Lebens, nur eine Wasserspinne, eine Libelle, welche in dem finstern Schweigen um ihn herum sich leibhaftig regte; — da starrte ihm aus der Tiefe ein bleiches Menschengesicht entgegen, daß er zurückfuhr und ein zweites Mal hinsehen mußte, um zu lächeln und zu erkennen, daß es sein eigener Wiederschein war. Auch hier war um den Herrn des Guts Schwüle, Mutlosigkeit und bange Ahnung.

Er lehnte sich an den hohlen Weidenstamm und sah unverwandt auf sein Haus und auf die Fenster, wo seine Lieben wohnten: er suchte nach einem Umriß ihrer Gestalt, er horchte nach einem Ton von dem Flügel der Baronin, er wünschte, daß nur ein helles Band Lenorens niederflattern möchte von dem Balcon ihres Zimmers; aber kein Zeichen des Lebens war in dem Hause zu erspähen, das Schloß war ausgestorben, wüst, wie ein Bau aus uralter Zeit, durch geisterhaftes Licht beleuchtet; — noch wenig Augenblicke, und es mußte verschwinden in dem Boden. Dann konnte das Wasser darüber hinfluthen, und die Leute konnten sich erzählen, daß hier einst ein schönes Schloß war, in dem ein stolzer Baron lebte, das sei aber lange, lange her. —

Ein gefallenes Haus, eine untergegangene Familie! — Wenn die Zeit kam, wo ein fremder Mann an seiner Stelle stand und ein neues Haus ansah, das er sich erbaut, dann lag die Wasserfläche vor dem Fremden, wie jetzt vor ihm, dieselbe Erdscholle, die sein Pflug aufwarf, trug auch dem Spätern bereitwillig Frucht. Dann gaben die Körner aus feinem Korn noch weißes Mehl, die Lämmer von seinen Schafen sprangen um denselben steinernen Wassertrog, die Ackerfläche lag vor dem Neuen da, wie jetzt vor ihm, an derselben Stelle liefen vielleicht die Wasserrinnen durch das Feld, die Binsenwurzel unter ihm trieb ebenso ihren Schaft aus dem Wasser: nur er und sein Geschlecht, die jetzt über Alles geboten, sie sollten dann verschwunden sein, verschwunden bis auf eine gleichgültige Erinnerung!

So stand der Herr des Gutes, gelähmt durch den bösen Zauber, der auf der Erde und auf seiner Seele lag, er holte tief Athem und trocknete den Schweiß von der Stirne, er war rathlos und wie gebrochen. Da fuhr ein scharfer Ton durch die Wipfel der Bäume, es war ein Jagdruf der Lüfte. Noch einmal wurde Alles still, dann raste der Sturmwind plötzlich hernieder von der Höhe, er rauschte durch die Baumwipfel, er zischte über das Wasser; tief beugten die Weiden ihre grauen Aeste, und die Staubwolken der Straße fuhren in tollen Wirbeln nach der Höhe; der gelbe Schein an den Mauern des Schlosses verschwand, bleigraue Dämmerung überzog die Landschaft. Ein zackiger Blitz fuhr durch die Finsterniß, und lang und majestätisch rollte der Donner herauf. Der wilde Jäger der Luft hielt seine Hetzjagd über die Fluren der Menschen.

Der Freiherr richtete sich hoch auf und öffnete seine Brust dem Zuge des Sturmwindes. Blätter und Baumzweige flogen um ihn und große Regentropfen schlugen auf sein Haupt, er aber starrte nach den Wolken in das Wetter hinein und auf die Blitze, welche sich kreuzten, als erwartete er von da oben eine Entscheidung. Da klapperte der Galopp eines Pferdes auf der Straße und eine fröhliche Männerstimme rief von der Höhe herab: »mein Vater!« Ein junger Reiteroffizier hielt auf der Straße.

»Mein Sohn, mein geliebter Sohn,« rief der Vater mit bebender Stimme, »du kommst zur rechten Zeit.« Er drückte den Jüngling fest an sich, und als er ihn aus der Umarmung los ließ, hielt er noch lange seine Hände fest und wurde nicht müde, ihn anzusehen. Auch der Reitersmann vor ihm war mit grauem Staube bedeckt, aber ein jugendliches Gesicht und zwei kecke Augen sprachen in diesem Augenblick entscheidende Worte zu dem Vater. Die Unsicherheit, alle trübe Ahnung war verschwunden, er fühlte sich wieder fest, wie dem Chef seines Hauses geziemte. Vor ihm stand in blühender Jugend die Zukunft seines Geschlechtes. Daß diese Erinnerung ihm gerade jetzt kam, in der Stunde, wo er einen Entschluß fassen sollte, das galt ihm für einen Befehl des Schicksals. »Und jetzt komm nach Haus,« sagte er, »es ist kein Grund mehr, daß wir unsere Begrüßung im Regen abmachen.«

Während die Baronin ihren Sohn auf das Sopha zog und nicht müde wurde, sich über sein männliches Aussehen zu freuen, und während Lenore sogleich mit dem Bruder ein leichtes Wortgefecht begann, ging der Freiherr in der Familienstube auf und ab und sah zuweilen durch den strömenden Regen in die Landschaft hinaus. Immer schneller fuhren die Blitze durcheinander, und immer kürzer wurden die Pausen, in denen der Donner dem Zucken des Feuerstrahls folgte.