Der Freiherr trieb mit Feuer die Anlage seiner Fabrik. Er suchte wenigstens einen Theil der Ziegel selbst zu brennen, er bezeichnete die Stämme des Waldes, welche im Winter zu Bauholz geschlagen werden sollten. Ein Baumeister wurde durch Ehrenthal empfohlen, und ein Techniker von dem Freiherrn selbst angeworben. Er erkundigte sich sorgfältig nach der Vergangenheit des Mannes, dem er Einrichtung und Betrieb seiner Fabrik übergeben wollte, und wünschte sich Glück, als er nach langem Suchen einen redlichen Mann fand, der eine ungewöhnliche theoretische Bildung besaß. Vielleicht war gerade diese letztere Eigenschaft vom Standpunkte des Barons nicht ohne Bedenken, denn dem Erwählten wurde von zähen Praktikern nachgesagt, daß er nie eine Fabrik in ruhigem Betriebe lassen könne, sondern durch hastige Einführung neuer Erfindungen die tägliche Arbeit zu oft störe. Daher galt er für kostspielig und unsicher. Dem Freiherrn war die Intelligenz und Redlichkeit des Mannes natürlich die Hauptsache, mehr noch als jedem Andern, weil er im Stillen die Empfindung hatte, daß diese Eigenschaften des Technikers die Mängel seiner eigenen Leitung ausgleichen müßten.
So froh aber diese Aussichten waren, ein Uebelstand war doch dabei. Ordnung und Behagen waren auf dem Gut nicht mehr zu finden, sie waren mitten im Sommer fortgeflogen, wie die Störche, welche seit vielen Jahren hinter der großen Scheuer genistet hatten. Alle Welt wurde durch die neue Anlage belästigt. Die Baronin verlor eine Ecke des Parks, sie erlebte das Herzeleid, daß ihr ein Dutzend mächtiger alter Bäume niederschlagen wurden. Ein Haufe fremder Arbeiter zog mit Hacke, Schaufel und Karren wie ein Heuschreckenschwarm über das Gut. Sie zertraten die Grasplätze des Parks, sie lagerten in ihren Eßstunden in der Nähe des Schlosses und genirten die Frauen oft durch ihren Mangel an Rücksicht. Der Gärtner rang die Hände über die zahlreichen Diebstähle an Obst und Gemüse. Der Amtmann war in lauter Verzweiflung über die Unordnung, welche in seiner Wirthschaft einriß. Die neuen Leute, welche er angenommen hatte, erschwerten ihm die Aufsicht über das Gesinde. Die neuen Zugthiere, in der Eile gekauft, reichten nicht aus. Die Ackerpferde wurden ihm zu Fuhren verwandt, wenn er sie am notwendigsten im Felde brauchte, seine guten Zugochsen waren für ihn gar nicht mehr vorhanden. Der Bedarf der Wirthschaft wurde größer, die Einnahmen drohten geringer zu werden. Auch die Bodenfläche, welche für die Rübencultur bestimmt war, machte dem alten Mann schwere Arbeit. In der Fruchtfolge mußte Vieles geändert, die Taglöhner sollten für den neuen Bau angelernt werden. Lenore hatte viel zu trösten und brachte ihm manches Pfund Tabak aus der Stadt, damit er seinen Kummer mit den blauen Wolken in die Luft blasen konnte. Die schwerste Last trug natürlich der Freiherr selbst. Sein Arbeitszimmer, sonst nur von einzelnen Bittstellern oder dem Amtmann besucht, wurde jetzt ein Gemeinplatz, wie der Laden eines Krämers. Nach zehn Seiten sollte er Rath schaffen, Aufschluß geben, Schwierigkeiten überwinden. Fast täglich jagte er nach der Stadt, und wenn er am Friede bringenden Abend auf dem Gute war, erschien er im Familienkreise sorgenvoll, mürrisch, abgespannt. Es war eine große Hoffnung, die ihn erfüllte, aber es war sehr schwierig, sie in Wirklichkeit zu verwandeln.
Einigen Trost fand der Freiherr in der lebhaften Anhänglichkeit Ehrenthals. Dieser wußte sich überall nützlich zu machen, hatte stets einen guten Rath bei der Hand und war um Auskunft niemals verlegen. Oft besuchte er das Herrenhaus, dem Baron ein willkommener Gast, weniger den Frauen. Diese gönnten ihm den Argwohn, daß seine Beschwörung die Fluth von Geschäften heraufführe, welche sich durch alle Fenster und Thüren des Schlosses ergoß. Glücklicherweise dauerten seine Besuche immer nur kurze Zeit, und wenn man ihm auch ansah, daß er sich auf dem Gut nicht unbehaglich fühlte, so war sein Benehmen in Betreff der Ehrerbietung doch durchaus untadelhaft.
An einem sonnigen Mittag trat Ehrenthal mit Brillantnadel und Busenkrause in das Zimmer seines Sohnes. »Willst du heut mitfahren auf das Gut der Rothsattel, mein Bernhard? Ich habe dem Baron gesagt, daß ich dich mitbringen werde, um dich zu präsentiren der Familie.«
Bernhard sprang von seinem Sitze auf. »Aber Vater, ich bin den Herrschaften ja ganz fremd.«
»Wenn du das Gut gesehen haben wirst, wird es dir nicht mehr fremd sein, und wenn du gesprochen haben wirst den Baron, die Baronin und das Fräulein, so wirst du sie kennen. Es sind gute Leute,« fügte er wohlwollend hinzu.
Der Sohn hatte noch viele schüchterne Bedenken, aber der Vater schlug sie durch die bestimmte Erklärung nieder, daß der Freiherr ihn erwarte.
Bernhard saß im Wagen, über ihm hoch in der Luft flogen die Vögel, die Pappeln an der Landstraße schnurrten wie durch ein Band gezogen hinter ihn, lachend schien die Sonne in sein bleiches Gesicht und frug: wo kommst du her, Mann, dich kenne ich nicht; er rückte sich auf seinem Sitze in unruhiger Spannung zurecht. Seit er Anton kannte, ja länger, seit er seine Dichter las, hatte er von der kleinen einsamen Stube sehnsüchtig auf das fröhliche Treiben Solcher gesehen, welche darauf los leben und unnützes Grübeln hassen. Heut kam ihm vor, als ob er selbst ein wenig darauf los lebe, heut jagte er in die Welt hinein zu einem unbekannten Edelmann in das Haus einer berühmten Schönheit, die er sich ansehen wollte. Er zog seinen Hemdkragen zurecht, drückte den Hut entschlossen in die Stirn und schlug die Arme unter. Mit scharfem Blick musterte er die vorübergehenden Reisenden, und die Frau vom Zollhause, welche das Geld abnahm, fixirte er so unternehmend, daß sie ihr Brusttuch zurecht zog und ihn lächelnd anblinzte. Unterdeß floß das Herz des alten Ehrenthal von Lobreden auf den Freiherrn und seine Familie über. »Noble Leute,« rief er; »wenn du gesehen haben wirst diese Baronin, wie sie ist, wenn sie ist in ihrer Spitzenhaube, Alles so fein und Alles so honett! Zu honett für die Welt, wie diese Welt einmal ist! Die Stücke Zucker sind zu groß, und der Wein, den man bei Tische trinkt, ist zu theuer, aber es ist ihre Qualität, es steht ihnen gut.«
»Fräulein Lenore soll eine große Schönheit sein,« frug Bernhard. »Ist sie so stolz, wie junge Damen von ihrem Stande zu sein pflegen?« — Mein armer Bernhard kannte nicht viele junge Damen, weder aus diesem noch aus einem andern Stande.
»Sie ist stolz,« sagte der Vater, »aber es ist wahr, sie ist schön. Unter uns gesagt, sie gefällt mir besser, als die Rosalie.«