»Ist sie blond?« Herr Ehrenthal dachte nach. — »Was soll sie anders sein, als blond oder braun, freilich hat sie blonde Augen. Du kannst dir auch ansehen die Heerde auf dem Gute und vergiß nicht herumzugehen im Park. Sieh dich um, ob du einen Platz findest, wo du gern sitzen möchtest mit deinem Buche.«

Der arglose Bernhard schwieg und sah mit glänzenden Augen auf die dunkeln Umrisse des Parks, der am Horizont aufstieg.

Der Wagen hielt vor dem Schlosse. Der Bediente trat an den Schlag. Die Gäste erfuhren, daß der Freiherr in seinem Zimmer und die gnädige Frau im Augenblick nicht zu sprechen war, das Fräulein aber spazierte im Garten. Ehrenthal schritt um das Haus, Bernhard neugierig hinter ihm her. Ueber den Grasplatz kam die hohe Gestalt Lenorens langsam auf die Fremden zu. Ehrenthal stellte sich auf, bog seinen linken Arm zu einem Kreise zusammen, steckte seinen Hut hinein und präsentirte: »Mein Sohn Bernhard, dies ist das gnädige Fräulein.« Bernhard verneigte sich tief. Es war nur ein kühler Gruß, den Lenore dem Gelehrten schenkte. »Wenn Sie zu meinem Vater wollen, er ist oben in seinem Zimmer.«

»Ich werde hinaufgehen,« sagte Ehrenthal gehorsam. »Bernhard, du kannst unterdeß zurückbleiben bei dem gnädigen Fräulein.«

In dem Zimmer des Freiherrn legte der Händler einige tausend Thaler auf den Tisch und sagte: »Hier ist das erste Geld. Und wie wollen der Herr Baron es mit der Sicherheit halten?«

»Nach unserer Verabredung muß ich Ihnen dafür Hypothek auf das Gut geben,« erwiederte der Freiherr.

»Wissen Sie was, Herr Baron, um jedes Tausend Thaler, das ich Ihnen zahle, können Sie mir nicht immer bestellen eine Hypothek, das macht viel Kosten und bringt das Gut in schlechtes Renommée. Lassen Sie vom Gericht ausstellen ein Hypothekeninstrument, welches auf eine große Summe lautet, ich will sagen auf zwanzigtausend Thaler. Lassen Sie es ausstellen auf den Namen der gnädigen Frau Baronin, so haben Sie eine Sicherheit, die Sie jeden Tag verkaufen können, und Ihr Gut wird noch nicht belastet durch ein neues Capital. Und mir geben Sie jedes Mal, so oft ich an Sie zahle, einen einfachen Schuldschein, worin Sie mir auf Ihr freiherrliches Wort versichern, daß ich für den Betrag der Summe, die ich Ihnen zahle, ein Anrecht haben soll an diese Hypothek von zwanzigtausend Thalern, welche im Hypothekenbuche steht zunächst hinter den Pfandbriefen. Das ist einfach, und es bleibt still zwischen uns beiden. Und wenn Sie keine weitern Vorschüsse brauchen, dann machen wir die Sache fest vor dem Notar. Sie cediren mir dann die Hypothek selbst, und ich gebe Ihnen Ihre Schuldscheine zurück und zahle Ihnen nach, wenn noch etwas fehlt an den zwanzigtausend Thalern. Ich verlange nichts von Ihnen, als Ihr Ehrenwort auf einem Blatt Papier, welches nicht größer ist, als dieses Schnitzel. Und wenn das Gericht Ihnen ausgefertigt hat das Hypothekeninstrument von zwanzigtausend Thalern, so wäre mir's lieb, wenn Sie's wollten aufheben in meinem Hause.«

Als der Freiherr bei der letzten Bedingung unwillig aufsah, legte Ehrenthal seine Hand auf den Arm des Herrn und sagte vertraulich: »Seien Sie ruhig, Herr Baron; dagegen, daß ich selbst aufheben will das Hypothekeninstrument, dürfen Sie nichts einwenden. Ich kann keinen Mißbrauch damit treiben, und es ist mir eine Beruhigung. Jeder Jurist wird Ihnen sagen, daß ich in diesen Sachen gegen Sie verfahre, wie es selten vorkommt im Geschäft. Oft wird ein Wort gebrochen, das Einer dem Andern gegeben hat, aber wenn es etwas gibt, was fest ist auf dieser Welt, so ist es für mich, wenn Sie mir geben Ihr Ehrenwort. Ist es nicht geschäftlich, Herr Baron, daß ich so denke, so ist es doch freundschaftlich.«

Ehrenthal sagte das mit einem Ausdrucke von Herzlichkeit, der nicht ganz erlogen war. Was er anbot, zeigte in der That ein großes Vertrauen. Nach vielen Berathungen mit Veitel Itzig war er auf diese Maßregel gekommen. Er wußte, daß der Freiherr außer den zwanzigtausend Thalern noch manches andere Capital für die Fabrik brauchen würde. Es lag im Interesse auch des Händlers, daß der Freiherr noch andere Summen ohne Schwierigkeit erhielt. Und er traute dem Edelmann; er, der durchtriebene Schelm, hatte einen festen Glauben an den adeligen Sinn des Andern. Auch wenn ihn Itzig nicht unaufhörlich auf den ehrenwerthen Charakter des Gutsherrn aufmerksam gemacht hätte, er würde ihm nichts Unehrliches zugetraut haben. Was von achtungsvoller Zuneigung in seiner Seele noch Raum hatte, das war dem Freiherrn zu Theil geworden. Der Herr war seit langer Zeit der Gegenstand seiner Sorge, seiner Arbeit, seiner eifersüchtigen Wachsamkeit. Er war dem Schurken geworden, was dem Landwirth sein Acker, der Hausfrau ihr Lieblingsthier ist. Es war ein allerliebster kleiner Theil von gemüthlicher Zuneigung in dem Verhältniß. Auch die Hausfrau vertritt eifrig die Tugenden ihres vierbeinigen Pfleglings, sie betrachtet ihn mit Freude und findet sein Temperament ungewöhnlich sanft. Sie ist geneigt, ihren Liebling für das vortrefflichste Stück seiner Art zu halten, und wenn der Schlachttag kommt, vergießt sie vielleicht eine Thräne. Aber, beim heiligen Antonius! so leid es ihr auch thut, sie wird das arme Ding doch schlachten.