Unterdeß sagte unten Lenore zu Bernhard: »Ist Ihnen gefällig, in den Park zu gehen?« Bernhard folgte schweigend und sah scheu auf die Aristokratin, welche ihren Kopf trotzig in die Höhe warf und wenig von seiner Anwesenheit erbaut schien. An dem grünen Platz, der einst Anton so entzückt hatte, blieb sie stehen und wies auf den Kiesweg. »Dort hinab geht es zum See, und hier weiter hinein in den Garten.« Sie erhob die Hand zu einer verabschiedenden Bewegung. Bernhard aber sah staunend auf den Platz, auf die Thürmchen des Schlosses, die Schlingpflanzen des Balcons und rief: »Das habe ich schon einmal gesehen, und ich bin doch nie hier gewesen.«
Lenore blieb stehen: »Das Haus ist nicht nach der Stadt gekommen, so viel ich weiß; es mag wohl andere geben, die ähnlich aussehen.«
»Nein,« erwiederte Bernhard sich besinnend, »ich habe das Schloß auf einer Zeichnung im Zimmer eines Freundes gesehen. Er muß Sie kennen,« rief er freudig, »und er hat mir doch nie etwas davon gesagt.«
»Wie heißt dieser Herr, der Ihr Freund ist?«
»Es ist ein Herr Wohlfart.«
Das Fräulein wandte sich lebhaft zu dem Gelehrten: »Wohlfart? Ein Kaufmann bei T. O. Schröter, Colonialwaaren und Producte? Ist's dieser Herr? — Und dieser Herr ist Ihr Freund? Wie kommen Sie zu der Bekanntschaft?« frug sie streng und stellte sich vor Bernhard auf, die Hände auf dem Rücken, wie ein Lehrer, der einen kleinen Dieb wegen gestohlener Aepfel in's Verhör nimmt.
Bernhard erzählte, wie er Anton kennen gelernt hatte und wie lieb ihm der tüchtige Freund geworden war. Darüber verlor er etwas von seiner Befangenheit, und das Fräulein viel von ihrer Strenge.
»Ja, wenn Sie so sind,« sagte Lenore noch immer verwundert. »Also wie geht es Herrn Wohlfart? Erzählen Sie geschwind, wie sieht er aus, ist er lustig? Er hat wohl recht viel zu thun?«
Bernhard erzählte, er wurde immer beredter. Lenore setzte sich in die Rosenlaube und winkte ihm herablassend, gegenüber Platz zu nehmen. Als er geendet hatte, sagte sie freundlich: »Wenn Herr Wohlfart Ihr Freund ist, so gratulire ich Ihnen, er ist ein guter Mensch; ich will hoffen, daß Sie das auch sind.«