Bernhard lächelte: »Unter meinen Büchern habe ich nur wenig Gelegenheit, meinen guten Willen dafür zu erweisen. Ich lebe still vor mich hin und zirpe wie eine Grille; in dem Treiben der Welt komme ich mir oft recht unnütz vor.«

»Das viele Studiren wäre nicht meine Sache,« erwiederte Lenore. »Man sieht Ihnen auch an, daß Sie wenig in der freien Luft leben. Kommen Sie, mein Herr, ich werde Sie herumführen. So setzen Sie doch Ihren Hut auf!«

Der Bediente trat mit dem Theebret aus der Halle. Lenore winkte ihm und sah wohlwollend zu, als Bernhard den heißen Trank so eilig einschlürfte, wie ein Ritter seinen Steigbügeltrunk. »Verbrennen Sie sich nicht,« ermahnte sie.

Sie führte ihn durch den Park, wie sie einst Anton geleitet hatte. Bernhard war ein Sohn der großen Stadt. Nicht die hohen Baumkronen, nicht die blühenden Beete im grünen Rasen, auch nicht die Thürmchen des Herrenhauses waren ihm etwas Ungewöhnliches, sein Auge hing nur an dem Fräulein. Es war ein klarer Abend im September. Das Sonnenlicht fiel schräge durch das Laub, der Kiesweg war gefleckt von gelben Lichtern und dunklen Schlagschatten. So oft ein Sonnenstrahl durch die Blätter auf Lenorens Haupt schoß, glänzte ihr Haar wie Gold. Das stolze Auge, der feine Mund, die schlanken Glieder des kräftigen Mädchens nahmen die Empfindung des Gelehrten gefangen. Sie lachte und zeigte die weißen kleinen Zähne, und er war entzückt; sie brach einen Zweig ab und schlug damit an die Büsche am Wege, und ihm war, als neigten sich die Zweige und Blätter vor ihr auf den Boden.

Sie kamen an die Brücke, an den Ausgang des Parks nach dem Feld. Einige Mädchen liefen an Lenore heran, knixten und küßten ihr die Hände, sie nahm diese Huldigung der Unterthanen wie eine Königin hin. Zwei kleine Dirnen hatten die hohlen Stengel des Löwenzahns in Kettenglieder zusammengebogen und eine lange Kette daraus gemacht, sie stellten sich verschämt vor Bernhard in den Weg und hielten ihm die Kette vor.

»Hinweg, Ihr unartiges Volk!« rief Lenore. »Wie könnt Ihr uns den Weg versperren, der Herr kommt ja aus dem Schloß. — Sie lernen dies Wegelagern von den fremden Arbeitern.« Und Bernhard fühlte mit Stolz, daß er in diesem Augenblicke zu ihr gehörte. Er griff in die Tasche und löste sich von den Mädchen. »Es ist lange her, daß ich eine solche Kette nicht gesehen habe,« sagte er. »Dunkel erinnere ich mich, daß ich als kleiner Knabe auch einmal auf einem grünen Platze saß und die Stiele zusammensteckte.« Er pflückte einige Stengel des Löwenzahns und versuchte die Kinderarbeit.

»Haben die gelehrten Herren auch an solchen Spielen Freude?« frug Lenore lächelnd.

»O ja,« erwiederte Bernhard. »Ich habe auch die spitzen Blüthen von Akley und Rittersporn zu runden Kränzen in einander gesteckt und in meinen Büchern gepreßt, dann trocknete ich Blätter und ganze Blumen, dann legte ich ein Herbarium an. Was uns als Erwachsene interessirt, das knüpft sich häufig an eine kleine Freude der Kinderzeit. Aus dem Kind, das zufällig einige bunte Krystalle in die Hand bekam, wird vielleicht ein Mineralog, und schon mehr als ein berühmter Reisender ist durch den Robinson Crusoe zu seinen Entdeckungen gekommen. Es ist immer eine Freude, zu erfahren, wie ein bedeutender Mann das gefunden hat, was seine Seele erfüllt.«

»Wir Frauen sehen das ganze Leben hindurch die Natur an wie die Kinder,« sagte Lenore, »wir spielen mit den glänzenden Steinen und Blüthen noch in unsern alten Tagen, gerade so wie die Mädchen vor uns. Und die Kunst ist so gefällig, uns Blumen und Steine nachzumachen, damit wir nur niemals das Spielzeug entbehren. — Wenn Sie so gut mit den Kinderspielen Bescheid wissen, dort ist etwas für Sie,« sie wies auf einen großen Klettenstrauch am Weg. »Haben Sie sich jemals eine Mütze aus Kletten gemacht?«

»Nein,« erwiederte Bernhard mit bangen Ahnungen.