»Sie sollen sogleich eine haben,« sagte Lenore. Sie gingen zu dem Klettenstrauch. Bernhard pflückte die runden Köpfe ab und reichte ihr einige Hände voll hin. Sie nestelte die Kletten an einander und machte eine Kappe mit zwei kleinen Hörnern daraus. »Das können Sie aufsetzen,« sagte sie gnädig.
Bernhard hielt das kleine Monstrum in der Hand. »Allein wage ich's nicht,« sagte er, »die Vögel auf den Bäumen würden mich zu sehr anschreien. Wenn Sie auch eine Haube aufsetzen wollten —«
»Kletten können Sie nicht verlangen,« erwiederte Lenore, »aber Sie sollen den Willen haben. Kommen Sie zurück, ich zeige Ihnen, wie wir als Mädchen unsere Mützen gemacht haben.« Sie führte ihn an eine Stelle, wo eine Gruppe Sonnenrosen mit schwarzen Gesichtern und gelben Strahlen am Rande des Gebüsches stand. Dort schnitt sie mit einem kleinen Trennmesser einige Blumen ab, durchstach die Stengel und band sie zu einem Helm zusammen, den sie sich lachend aufsetzte. Es war ein fremdartiger Schmuck und gab dem schönen Gesicht ein wildes Ansehen. »Jetzt setzen Sie Ihre Kappe auf,« befahl sie. Bernhard gehorchte, und sein ehrbares faltiges Gesicht, der schwarze Frack und die weiße Cravatte erschienen unter der Klettenmütze so abenteuerlich, daß Lenore ihr Lachen nicht bekämpfen konnte und vergebens den Mund hinter ihrem Taschentuch verbarg. »Sie sehen schrecklich aus.« Bernhard nahm den Kopfputz sogleich wieder ab. »Kommen Sie zum Wasser, dort sollen Sie Ihr Spiegelbild sehen.«
Sie führte ihn an die Stelle, wo der Grund des Fabrikgebäudes ausgegraben wurde. Es war ein wüster Platz. Erdhaufen, einige tausend Ziegel, Baumstämme und Balken waren zusammengefahren. Die Arbeiter hatten Feierabend gemacht und den Platz verlassen, nur einige Kinder aus dem Dorfe kauerten unter dem Holz und sammelten die Späne zum Abendfeuer. Wenige Schritte hinter der Baustelle zog sich eine Bucht des See's heran, durch Gebüsch eingefaßt und mit grünen Wasserlinsen überdeckt. »Wie wüst es hier aussieht,« klagte Lenore, »die Zweige der Sträucher sind geknickt, auch die Bäume sind beschädigt. Das Alles macht der Bau. Wir kommen der fremden Arbeiter wegen jetzt nur selten hierher. Auch die Kinder vom Dorfe sind dreist geworden, sie haben hier einen Spielplatz aufgeschlagen, und es ist ihnen gar nicht zu wehren.«
In dem Augenblick fuhr ein Kahn hinter dem Vorsprung des Gehölzes hervor. Ein kleines Bauermädchen, ein bausbäckiges rundes Ding, stand darin und wankte ängstlich bei der raschen Bewegung des Kahnes, den ihr älterer Bruder mit einer Stange vom Ufer abstieß. »Sehen Sie,« rief Lenore ärgerlich, »die Krabben haben auch unsern Kahn genommen. Wollt Ihr sogleich an's Land.« Die Kinder erschraken über den Zuruf, dem Knaben fiel die Stange in's Wasser, das kleine Mädchen schwankte in der Angst des bösen Gewissens an den Rand des Kahnes, sie verlor das Gleichgewicht und fiel in's Wasser. Der Knabe trieb hülflos mitten in der Bucht. Ein lauter Schrei vom Ufer und aus seiner Kehle folgte dem Fall der Kleinen. »Retten Sie das Kind!« rief Lenore außer sich. Bernhard lief gehorsam in den See, ohne daran zu denken, daß er nicht schwimmen konnte, er watete einige Schritt vor und stand gleich darauf hülflos bis unter die Arme in Schlamm und Wasser. Er streckte die Hände nach der Stelle aus, wo das Kind versunken war, aber der Punkt war noch einige Klaftern von ihm entfernt. Unterdeß war Lenore schnell wie der Blitz hinter einen Strauch gesprungen. Nach wenig Augenblicken trat sie hervor und eilte an einen Vorsprung des Ufers. Aus der Tiefe der grünen Wasserlinsen sah Bernhard mit Entsetzen und Wonne auf die hohe Gestalt. Noch haftete die phantastische Blumenkrone auf ihrem Haupt, das luftige Kleid floß jetzt in leichten Falten an ihrem Leibe herunter, aus dem entschlossenen Gesicht starrten die Augen nach der Stelle, wo der Rock des Kindes wieder sichtbar wurde. Sie erhob die Arme hoch über das Haupt und stürzte sich mit einem Sprunge in den See. Der Kranz fiel von ihrem Haupt, in langen Stößen schwamm sie auf das Kind zu. Sie faßte den Rock, noch zweimal griff sie mit der freien Hand aus und hatte den Kahn erreicht. Sie hielt sich daran fest, sie spannte alle Kraft an, das Kind hineinzuheben, sie faßte die Kette des Kahns und zog ihn hinter sich an das Land. Bernhard, der bleich wie der Tod ihrer Anstrengung zugesehen hatte, kämpfte sich an das Ufer zurück, er reichte ihr die Hand und zog den Kahn an's Land. Lenore ergriff das bewußtlose Kind, Bernhard hob den Knaben an das Ufer, und vorwärts eilten Beide zu der nahen Gärtnerwohnung, der Knabe lief mit gellendem Geschrei hinter ihnen her. Das nasse Gewand legte sich dicht an Lenorens Leib, die schönen Formen des Körpers wurden in der raschen Bewegung dem Auge ihres Begleiters fast unverhüllt sichtbar. Sie achtete nicht darauf. Bernhard drang mit ihr in die Stube des Gärtners, aber Lenore trieb ihn hastig wieder hinaus. Mit Hülfe der erschrockenen Gärtnersfrau entkleidete sie das Kind und suchte das bewußtlose durch Reiben in's Leben zurückzubringen. Unterdeß lehnte Bernhard draußen an der Thür vor Kälte klappernd und in einer Aufregung, welche seine Augen glühen machte wie Kohlen. »Lebt das Kind?« rief er durch die Thür.
»Es lebt,« rief Lenore vom Bett zurück.
»Gelobt sei Gott!« rief Bernhard und schlug die Hände zusammen; aber der Gott, an den er in diesem Augenblick dachte, war das schöne Weib dadrin, von dessen Reizen sein Auge mehr gesehen hatte, als irgend ein anderer Mann. Lange stand er so, schauernd und vor sich hin träumend, bis eine hohe Gestalt in wollenem Rock und Mieder aus dem Hause trat. Es war Lenore in den Kleidern der Gärtnerin, noch ergriffen von der Anstrengung, aber mit einem fröhlichen Lachen auf den Lippen. Außer sich griff Bernhard in stürmischer Bewegung nach ihrer Hand und küßte sie mehr als einmal, er hätte vor ihr auf die Knie sinken mögen.
»Sie sehen schön aus, mein Herr,« sagte Lenore heiter, »Sie werden sich verkälten.«
Er stand vor ihr, naß, am ganzen Körper triefend, mit Wasserlinsen und Schwamm überzogen. »Ich fühle nichts von Kälte,« rief er, aber seine Glieder schütterten.