»Schnell in das Haus,« trieb Lenore. Sie öffnete die Thür und rief der Frau zu: »Geben Sie dem Herrn Kleider des Gärtners zum Wechsel. — Dort in der Kammer machen Sie Ihre Toilette.«

Bernhard lief nach der Kammer, die Gärtnersfrau trug ihm herzu, was sie von Kleidern in der Eile fand. Nach einer Weile trat er, in einen Bauernburschen verwandelt, vor das Haus, wo Lenore in der Abendsonne mit schnellen Schritten auf und ab ging. »Kommen Sie nach dem Schloß,« sagte das Fräulein, welche wieder ihre ruhige Gönnermiene angenommen hatte.

»Noch einmal möchte ich das Kind sehen,« bat Bernhard. Sie traten an das Bett, auf welchem das Mädchen lag; mit müden Augen sah die Kleine auf das faltige Gesicht des Mannes, der sich über das Lager beugte und ihr die Stirn küßte. »Es ist das Kind eines Tagelöhners aus dem Dorfe,« sagte die Frau. Bernhard legte hinter Lenorens Rücken seine Börse auf das Bett.

Eilig schritten Lenore und Bernhard dem Schlosse zu, wo Ehrenthal an seinem Wagen ungeduldig die Rückkunft des Sohnes erwartete und mit maßlosem Erstaunen in dem Gärtnerburschen seinen Bernhard erkannte.

»Geben Sie dem Herrn einen Mantel,« befahl Lenore dem Bedienten, »er friert. Wickeln Sie sich gut ein, Sie könnten sonst lange an Ihren Marsch unter die Wasserlinsen denken.«

Und Bernhard dachte lange daran. Er hüllte sich in den Mantel und drückte sich in eine Ecke des Wagens, dem kalten Bade folgte brennende Gluth, stürmisch rollte sein Blut durch die Adern. Er hatte das schönste Weib der Welt gesehen, er hatte etwas erlebt, was für ihn größer und hinreißender war, als jeder Dichtertraum in seinen Pergamenten. Mit Scham dachte er daran, wie unbehülflich er selbst gewesen war, und wie von seinem tiefen Stand im Wasser sah er zu der Heldin auf, welche so entschlossen und stark gewesen war. Nur kurze Antworten vermochte er auf die Fragen seines Vaters zu geben. So saßen Vater und Sohn neben einander, kalte Arglist und die Gluth der Leidenschaft. Beide hatten auf dieser Fahrt erreicht, wonach sich ihr Herz so lange gesehnt, der Vater ein Anrecht an das schöne Gut, der Sohn ein Abenteuer, das seinem Leben einen neuen Inhalt gab.

Auf dem Gute stieg das Fabrikgebäude langsam in die Höhe, in dem Geldschrank Ehrenthals füllte sich die Cassette des Freiherrn mit seinen Schuldverschreibungen und dem neuen Hypothekeninstrument, und während Bernhards zarter Leib an den Folgen des kalten Bades kränkelte, berauschte sich seine Seele an süßen Phantasien.


X.