»Ich bin der, welcher weiß Ihre ganzen Geschäfte, ich bin der, welcher Sie ruiniren kann, wenn er will, und ich bin der, welcher es gut zu Ihnen meint, besser als Sie selber. Und deßwegen, wenn ich übermorgen in das Comtoir komme, werden Sie zu mir sagen: Guten Morgen, Itzig! Haben Sie mich verstanden, Herr Ehrenthal?« Er ergriff seine Mütze und eilte auf die Straße, dort brach sein unterdrückter Zorn gegen Ehrenthal in helle Flammen aus, er schwenkte heftig die Hände und murmelte drohende Worte. Dasselbe that Ehrenthal in seinem Comtoir.
Der Freiherr fuhr zu seiner Tochter zurück, er setzte sich niedergeschlagen auf das Sopha, und die liebevollen Worte Lenorens gingen ungehört bei seinem Ohr vorüber. Er hatte nichts, was ihn noch in der Stadt zurückhielt, als seine Furcht, der Baronin die traurige Nachricht mitzutheilen. Er brütete über Plänen, wie er den möglichen Verlust überwinden konnte, und malte sich wieder mit den schwärzesten Farben aus, welche Folgen dies Ereigniß haben mußte. Unterdeß saß Lenore schweigend am Fenster und sah hinunter in das Getümmel der Straße, auf die Lastwagen, welche vorüber rasselten, und auf die Ströme geschäftiger Menschen, die auf dem Trottoir dahin zogen, unaufhörlich, ohne Rast, um Verdienst und Genuß. Und während Lenore sich frug, ob wohl Einer von all den Leuten, die vorüber gingen, den heimlichen Kummer, die Furcht, die Muthlosigkeit gefühlt habe, die in den letzten Jahren über ihr junges Herz gekommen war, da sah zuweilen Einer von unten zu den Spiegelfenstern des stattlichen Hauses auf, dann ruhte sein Auge bewundernd auf dem schönen Mädchen, und er beneidete vielleicht das Glück der Vornehmen, die so ruhig von oben herabsehen auf die Leute, die sich um den Verdienst plagen müssen.
So wurde es dunkel auf der Straße, das Licht der Laternen warf einen matten Schein in das Zimmer, Lenore sah auf die Schatten und Lichtstreifen, welche sich an der Stubenwand bewegten, und mit der steigenden Finsterniß vergrößerte sich das Bangen in ihrer Brust. Vor der Hausthür aber standen zwei Männer in eifrigem Gespräch, der eine trat in das Haus, die Klingel wurde gezogen, ein schwerer Tritt schallte im Vorzimmer. Der Bediente trat ein und meldete Herrn Pinkus. Bei dem Namen fuhr der Freiherr auf, forderte Licht und eilte in das Nebenzimmer.
Der Herbergsvater trat bei dem Freiherrn ein und neigte einige Mal seinen großen Kopf, beeilte sich aber nicht, zu sprechen; der Freiherr stützte sich auf die Tischplatte, wie Einer, der bereit ist, Alles zu hören. »Was bringen Sie mir so spät?«
»Der Herr Baron weiß, daß morgen der Wechsel fällig ist mit zehntausend Thalern.«
»Können Sie nicht erwarten, daß ich Ihnen bei der Verlängerung Ihre zehn Procent einrechne?« frug der Freiherr mit Verachtung. »Ich glaubte erst morgen das Rechenexempel machen zu müssen.«
»Da es Ihnen nicht recht ist, das Exempel zu machen,« erwiederte Pinkus, »so bestehe ich nicht darauf. Ich komme Ihnen anzuzeigen, daß ich plötzlich in die Lage gekommen bin, Geld zu brauchen; ich werde Sie morgen bitten um die zehntausend.«