Der Freiherr trat einen Schritt zurück. Das war der zweite Schlag, und dieser traf sein Leben. Er hatte geahnt, daß noch etwas kommen würde, ihn zu zermalmen; jetzt wußte er genau, daß Alles unnütz war, was er noch sagen konnte. Sein Gesicht war fahles Gelb, als er mit heiserer Stimme begann: »Wie können Sie diese Forderung stellen, nach dem, was wir mit einander besprochen haben? Wie oft haben Sie mir betheuert, daß diese Wechselform nichts als eine leere Förmlichkeit sei?«

»Es ist gewesen bis heut eine Förmlichkeit,« sagte Pinkus, »jetzt wird's ein Zwang. Ich habe morgen zu zahlen zehntausend Thaler an einen Mann, dem ich verpflichtet bin.«

»Dann sprechen Sie mit dem Mann,« sagte der Freiherr, »ich bin bereit, Ihnen neue Zugeständnisse zu machen, ich bin aber jetzt außer Stande, zu zahlen.«

»Dann, Herr Baron, thut mir's leid, Ihnen zu sagen, daß man gegen Sie verfahren wird nach Wechselrecht.«

Der Freiherr schwieg und wandte sich ab.

»Wann darf ich morgen wiederkommen nach meinem Geld?« frug Pinkus.

»Um diese Stunde,« erwiederte eine Stimme, welche hohl klang, wie die Stimme eines Greises. Mit einem neuen Kopfnicken entfernte sich Pinkus, der Freiherr wankte in sein Zimmer zurück. Sein Kopf sank auf die Lehne des Sophas herab, erstarrt dachte er an das, was jetzt kommen mußte. Lenore kniete neben ihm nieder, sie faßte sein Haupt und legte es auf ihre Schulter, sie nannte ihn mit den zärtlichsten Namen und flehte ihn an, doch wieder zu sprechen. Er hörte nichts und sah nichts, in ihm schlug es wie mit einem Hammer immer stärker und schneller. Die hohlen Gebilde von buntem Glas, die er sich ausgeblasen hatte, zersplitterten in Scherben, er ahnte jetzt die schreckliche Wahrheit, er war ein ruinirter Mann.

So saß er bis zum späten Abend, die Tochter brachte ihn endlich dazu, einen Schluck Wein zu trinken und an die Heimkehr zu denken. »Ja, fort von hier,« rief er, »in's Freie.« Sie fuhren ab. Als die Bäume der Landstraße bei ihm vorbeiflogen, und die frische Luft in sein Gesicht schlug, kam seine Seele wieder in Spannung. Diese Nacht und der ganze nächste Tag gehörten ihm, in dieser Zeit mußte sich Hülfe finden. Es war nicht die erste Verlegenheit, die er empfand, und er hoffte jetzt sogar, es werde nicht die letzte sein. Er war diese Wechselschuld von ursprünglich siebentausend und einigen hundert Thalern eingegangen, weil der Schurke, der ihm heut das Geld kündigte, vor einigen Jahren zu ihm gekommen war und ihm das Geld angeboten, ja aufgedrängt hatte, zuerst mit den niedrigsten Zinsen. In dem sichern Muth eines glücklichen Unternehmers hatte er das Geld angenommen. Es hatte einige Wochen müßig dagelegen, dann hatte er es angegriffen, und Schritt vor Schritt hatte der Gläubiger seine Forderungen gesteigert bis zum Solawechsel und einem übermäßigen Zinsfuß. Jetzt trotzte der Schurke. War er wie die Ratte, welche den bevorstehenden Untergang des Schiffes merkt und sich zu retten sucht? Der Freiherr lachte auf, daß Lenore zusammenfuhr — aber er war nicht der Mann, sich widerstandslos dem Gauner in die Hände zu geben, er wußte, die Nacht und der nächste Tag mußten ihm Hülfe bringen. Ehrenthal konnte ihn nicht im Stiche lassen.

Er fühlte die Nothwendigkeit, sich zu beherrschen, er gewann es über sich, mit seiner Tochter wieder von gleichgültigen Dingen zu sprachen. »Es sind unangenehme Geschäfte, die sich jetzt drängen,« sagte er, »und ich bin durch die vielen Ansprüche, welche man in der letzten Zeit an mich gemacht hat, auch körperlich angegriffen. Es wird vorübergehen, mein Kind. Jedem Unternehmer kommt solche Zeit; ist die Fabrik erst im Gange, so ist das Aergste überstanden.«

Es war Nacht, als sie nach Hause kamen, der Freiherr eilte auf sein Zimmer. Er legte sich zu Bett, aber er wußte, daß das eine Scene war, die er nur seinem Bedienten vorspielte; das war wieder eine Nacht, wo der Schlaf sein Haupt nicht berühren sollte. Vom Thurme der Dorfkirche schlug eine Stunde nach der andern, der Freiherr zählte jeden Schlag, und nach jeder Stunde pochte das Blut stürmischer in seinen Adern, und heißer wurde seine Angst. Wo war Rettung? Es gab für ihn keine andere, als Ehrenthal. Aller Widerwille, den er dagegen empfand, morgen als Bittender vor diesen Mann zu treten, floß dahin mit dem Fieberschweiß, der von seiner Stirn rann. So lag er und rang die Hände; und wenn der Schlummer, das stille Kind der Nacht, sich seinem Lager näherte, immer erhob sich das graue Gespenst der Angst neben seinem Haupt und trieb mit drohender Geberde den hülfreichen Gott aus seiner Nähe. Gegen Morgen erst verlor er die Empfindung seines Elends.