»Wenn Sie Geld von mir wollen, so kommen Sie nicht wieder, Herr Baron,« rief Ehrenthal. »Ich habe kein Geld für Sie; lieber will ich werfen die Thaler auf die Straße, als Ihnen noch zahlen einen einzigen in Ihr Gut.«

Der Freiherr verließ schweigend das Zimmer. Sein Elend war groß, er mußte das Gezänk des gemeinen Mannes ertragen. Jetzt fuhr er in der Stadt bei seinen Bekannten umher und stand die Qual aus, alle Stunden von Neuem um Geld zu bitten und immer abschlägige Antwort zu erfahren. Zum Mittag war seine Kraft gebrochen. Er kehrte in sein Quartier zurück und überlegte, ob er noch einmal zu Ehrenthal gehen, oder ob er die Zahlung des Wechsels wegen wucherischer Zinsen verweigern solle. Da schlich der in sein Haus, welcher bis dahin sein Leben in weitem Kreise umlauert hatte, er, der künftige Besitzer des Gutes, der Erbe der Rothsattel. Der Freiherr wunderte sich, als eine fremde Gestalt, die er kaum ein oder das andere Mal gesehen hatte, in sein Zimmer trat, ein hageres Gesicht von röthlichem Haar eingefaßt, zwei verschmitzte Augen, und um den Mund ein grotesker Zug, wie man ihn auf den lachenden Larven des Carnevals sieht.

Veitel verneigte sich tief und begann: »Gnädigster Herr Baron, haben Sie die Gewogenheit, zu verzeihen, daß ich mit meinem Geschäft zu Ihnen komme. Ich habe den Auftrag von Herrn Pinkus, das Geld einzucassiren für den Wechsel. Ich wollte Sie unterthänigst fragen, ob Sie vielleicht so gnädig sein wollen, mir zu zahlen das Geld.«

Der finstere Ernst der Stunde ging dem Freiherrn verloren, als er die lange Gestalt sah, welche sich krümmte, Gesichter schnitt und in possenhafter Artigkeit zu vergehen bemüht war. »Wer sind Sie?« frug er mit der Würde eines großen Herrn.

»Veitel Itzig ist mein Name, gnädiger Herr, wenn ich mir erlauben darf, Ihnen das zu melden.«

Der Freiherr fuhr zusammen, als er den Namen Itzig hörte. Das war der Mann, vor dem er gewarnt war, der Unsichtbare, Erbarmungslose. Wieder schnürte ihm die Angst das Herz zusammen.

»Ich war bis jetzt Buchhalter bei Ehrenthal,« fuhr Itzig bescheiden fort. »Aber der Ehrenthal wird mir zu groß; ich habe geerbt ein kleines Vermögen, ich habe es übergeben dem Pinkus in sein Geschäft. Jetzt bin ich dabei, mich selbst zu etabliren.«

»Sie können das Geld jetzt nicht bekommen,« erwiederte der Freiherr ruhiger. Diese hülflose Gestalt konnte schwerlich ein gefährlicher Gegner sein.

»Ausgezeichnet,« sagte Veitel, »es ist mir eine Ehre, zu hören von dem gnädigen Herrn, daß Sie mir's zahlen werden im Nachmittag. Ich habe Zeit.« — Er zog eine silberne Uhr heraus. — »Ich kann warten bis gegen Abend. Und damit ich den Herrn Baron nicht incommodire durch Wiederkommen zu einer Stunde, wo ich Ihnen nicht recht bin, oder wo Sie nicht zu Hause sind, so will ich mir die Freiheit nehmen, mich zu stellen auf Ihre Treppe. Ich kann stehen,« sagte er, als wolle er eine Einladung des Freiherrn, sich auf die Treppe zu setzen, im Voraus ablehnen. »Ich halte aus bis heut Abend um fünf. Der gnädige Herr braucht sich meinetwegen gar nicht zu geniren.« Durch die demüthige Fratze Veitels klang es wie Hohn, dem Freiherrn fiel das Schreckliche der Stunde von Neuem auf das Herz. Veitel ging mit Verbeugungen an die Thür und zog sich wie ein Krebs aus der Stube zurück. Da rief der Freiherr ihn zurück. Wie festgezaubert blieb er in gekrümmter Stellung stehen. Er sah in diesem Augenblick vollständig aus, wie ein etwas schwacher und wunderlicher Mensch. Der warnende Brief hatte dem armen Teufel von Buchhalter zur Last gelegt, was vielleicht Ehrenthal selbst gesponnen hatte. Jedenfalls war mit diesem Manne bequemer zu verkehren, als mit einem andern.

»Können Sie mir angeben,« frug der Freiherr mit innerer Ueberwindung, »wie ich Ihnen für Ihre Forderung Deckung geben kann, ohne daß ich heut oder in diesen Tagen die Summe auszahle?«