Ehrenthal erhob sich und verließ mit gesenktem Haupt das Zimmer, in der Nebenstube ging er heftig auf und ab, rang die Hände und sprach mit sich selbst. Und wieder öffnete er leise die Thür, trat an Bernhards Bett und frug klagend: »Willst du mir nicht geben deine Hand, mein Sohn?« — Bernhard lag abgewandt und rührte sich nicht.
Mit klopfendem Herzen nannte Anton dem Diener des Freiherrn seinen Namen. »Wohlfart?« rief der Freiherr gedehnt, und die Erinnerung an den Brief Antons stach verletzend in seine Seele. »Führe ihn herein.« Mit kühlem Gruß beantwortete er Antons tiefe Verneigung. »Ich bin Ihnen wohl noch den Dank schuldig für Ihr Schreiben von neulich,« sagte er; »daß ich es nicht beantwortet habe, wie die gute Meinung verdiente, müssen Sie mit meinen vielen Geschäften entschuldigen.«
»Wenn ich jetzt in derselben Angelegenheit komme,« begann Anton, »so bitte ich Sie, dies nicht für Zudringlichkeit zu halten. Mich führt der Auftrag eines Bekannten her, der die wärmste Ergebenheit gegen Sie und Ihr Haus empfindet. Es ist der Sohn des Kaufmann Ehrenthal. Er selbst wird durch Krankheit verhindert, Ihnen seine Aufwartung zu machen, er läßt Sie deßhalb durch mich bitten, daß Sie den Einfluß, den er auf seinen Vater hat, benützen möchten. Im Falle Ihnen seine Einwirkung irgend wie brauchbar erscheint, soll ich Sie ersuchen, ihm Ihre Wünsche mitzutheilen.«
Der Freiherr horchte hoch auf. Jetzt, wo ihn Alles verließ, wo er sich selbst aufgegeben hatte, drängten sich fremde Gestalten in sein Leben, dieser Itzig, Wohlfart, der Sohn Ehrenthals. Was ihm Wohlfart anbot, klang abenteuerlich, aber es konnte für ihn eine Hülfe werden gegen das, was unaufhörlich an seinem Herzen fraß, eine Hülfe gegen die Ansprüche Ehrenthals, gegen die furchtbare Gefahr, in der sein guter Name schwebte. »Ich kenne den jungen Mann nur wenig,« sagte er mit Haltung, »ich ersuche Sie, vor Allem zu erklären, wie ich zu der Ehre komme, ein so ungewöhnliches Wohlwollen des Herrn zu erhalten.«
Anton erwiederte warm: »Bernhard Ehrenthal hat ein edles Herz und sein Leben ist rein. Unter seinen Büchern aufgewachsen, versteht er wenig von den Geschäften seines Vaters, aber er hat die Ansicht gewonnen, daß dieser sich durch schlechte Rathschläge verleiten läßt, feindselig gegen Sie aufzutreten. Er hat Einfluß auf seinen Vater, sein feines Ehrgefühl ist sehr beunruhigt, und er wünscht dringend, seinen Vater von Maßregeln abzuhalten, welche er selbst nicht für ehrenhaft hält.«
Hier war Hülfe! Das war ein reiner Luftzug, der in die stickende Atmosphäre eines Krankenzimmers drang, aber dem Kranken machte die frische Luft Mißbehagen. Diese ehrenhaften Leute, die so bereit waren, zu verdammen, was ihnen nicht ehrenvoll erschien, waren ihm peinlich. Und schon jetzt, während er den Werth erkannte, den auch diese unsichere Aussicht für ihn haben konnte, fühlte er in seinem Herzen eine Abneigung, seine Lösung aus der Angst diesen Beiden zu verdanken. Dem eifrigen Wohlfart wenigstens, der Alles sein sollte, was zuverlässig und gewissenhaft heißt, ihm wollte er Näheres nicht mittheilen. Und so erwiederte er mit einer Freundlichkeit, die ihm nicht vom Herzen kam: »Meine Beziehungen zu dem Vater Ihres Freundes sind allerdings von der Art, daß die wohlmeinende Vermittelung durch einen Dritten in unserm beiderseitigen Interesse liegen möchte. Ob der junge Ehrenthal die geeignete Person dafür ist, vermag ich nicht zu entscheiden. Jedenfalls sagen Sie ihm, daß ich für den Antheil dankbar bin, den er an meinen Angelegenheiten nimmt, und daß ich mir vorbehalte, zu seiner Zeit mit ihm selbst darüber Rücksprache zu nehmen.« Nach diesem Bescheid erhob sich Anton, der Freiherr begleitete ihn bis an die Thür und — merkwürdig, er machte ihm dort eine tiefe Verbeugung.
Es war kein Zufall, daß in dem Augenblick, wo Anton durch das Vorzimmer ging, auch Lenore hereintrat. »Herr Wohlfart,« rief sie freudig und eilte auf ihn zu. »Liebes Fräulein,« rief auch er, und Beide begrüßten einander als alte Freunde.
Sie hatten im Nu die letzten Jahre vergessen, sie waren, wie vor Jahren, Ritter und Dame aus der Tanzstunde. Beide sagten einander, wie sehr sie sich seit der Zeit geändert hätten, und während sie das erzählten, waren sie in Empfindungen und Worten unvermerkt wieder jünger geworden um alle die Jahre, welche seit ihrer letzten Unterhaltung vergangen waren.
»Sie tragen Ihren Halskragen wieder aufrecht!« rief Lenore mit leisem Vorwurf. Anton strich ihn schnell herunter.