»Haben Sie noch den Capouchon von damals? Er war mit rother Seite gefüttert, gnädiges Fräulein?« frug er, »der stand Ihnen reizend.«

»Der jetzige hat blaues Futter,« sagte Lenore lachend. »Und denken Sie, die kleine Comteß Lara heirathet in der nächsten Woche, wir haben erst neulich über Sie und das Tagebuch gesprochen. Auch Eugen hat uns von Ihnen geschrieben. Wie allerliebst, daß Sie den Bruder kennen gelernt haben! Kommen Sie herein, Herr Wohlfart, ich muß wissen, wie es Ihnen seit der Zeit gegangen ist.« Sie führte ihn in ein Gesellschaftszimmer und lud ihn ein, auf dem Fauteuil Platz zu nehmen. Sie saß ihm gegenüber und sah ihn mit lachenden Augen an, deren Gruß ihn einst so glücklich gemacht hatte. Vieles in ihm war anders geworden, ja vielleicht schüttelte jetzt zuweilen ein anderer Mädchenkopf seine Locken in dem Zimmer der gelben Katze, aber als er die Gebieterin seiner jungen Jahre, das wilde ehrliche Mädchen als vornehme Dame sich gegenüber sah, da lebten alle Empfindungen der Vergangenheit wieder auf, und er athmete mit Entzücken den feinen Duft des eleganten Zimmers, in dem sie lebte.

»Da ich Sie sehe,« sagte Lenore, »ist mir, als wäre die Tanzstunde gestern gewesen. Es war eine fröhliche Zeit auch für mich! Seitdem habe ich vieles Ernste erfahren,« fügte sie hinzu und senkte ihr Haupt. Anton bedauerte das mit einem Eifer, der das Fräulein zwang, wieder heiter auszusehen und ihm freundlich in die Augen zu blicken.

»Was hat Sie zu meinem Vater geführt?« frug sie endlich mit verändertem Ton.

Anton sprach von Bernhard, von dem langen Siechthum des Freundes und seinen guten Wünschen für ihre Familie, er verbarg ihr nicht, daß sie selbst einen mächtigen Antheil daran habe, so daß Lenore auf ihr Taschentuch heruntersah und die Zipfel zusammenlegte. Er sagte ihr, wie sehr die Krankheit des Freundes ihn besorgt mache. »Wenn Sie Ihrem Herrn Vater die Vermittelung Bernhards empfehlen können, so thun Sie es. Ich werde eine stille Sorge nicht los, daß in dem Comtoir Ehrenthals eine Verschwörung gegen ihn ausgedacht ist. Vielleicht finden Sie ein Mittel, Bernhard oder mich wissen zu lassen, wie wir dem Herrn Baron von Nutzen sein können.«

Lenore sah ängstlich in Antons Gesicht und rückte ihren Stuhl näher an den seinen. »Sie sind mir wie ein alter Freund, Ihnen kann ich vertrauen, was mich ängstigt. Der Vater verbirgt der Mutter und mir, was ihn quält, ach, aber er selbst ist anders geworden von Jahr zu Jahr. Er hat für die Fabrik viel Geld gebraucht, und es fehlt ihm oft daran, das weiß ich. Alle Tage bitten die Mutter und ich den Himmel, uns den Frieden wieder zu geben; eine Zeit, wie damals, wo ich Sie kennen lernte. — Sobald ich etwas erfahre, sollen Sie es wissen. Ich will Ihnen schreiben,« rief sie entschlossen; »wenn Eugen auf Urlaub herkommt, soll er Sie aufsuchen.«

So verließ Anton die Wohnung des Freiherrn, aufgeregt durch das Wiedersehen der schönen Freundin, voll vom besten Willen, der Familie zu dienen. An der Hausthür stieß er auf Herrn Ehrenthal. Mit kurzem Gruß eilte er an dem gefährlichen Manne vorüber, der ihm die Bitte nachrief, recht bald seinen Sohn Bernhard zu besuchen.


Ehrenthal hatte einige traurige Tage verlebt, er hatte in seinem Leben nicht so viel geseufzt und den Kopf geschüttelt, als jetzt. Vergebens frug seine Frau Sidonie ihre Tochter: »Was hat der Mann, daß er so seufzt?« Vergebens suchte Itzig das gebeugte Gemüth seines Brodherrn durch lockende Bilder der Zukunft aufzurichten. Alle Unzufriedenheit, welche sich in der Seele des Händlers aufgesammelt hatte, entlud sich gegen den Buchhalter. »Sie sind der Mensch, welcher mir hat gerathen zu diesen Schritten gegen den Baron,« schrie er ihn am Morgen nach der Scene mit Bernhard an. »Wissen Sie, was Sie sind? Malhonnet sind Sie.«

Itzig sah erstaunt in das Gesicht ihm gegenüber und zuckte die Achseln. »Wenn Sie weiter nichts wissen,« sagte er, »was ist das für ein Wort »malhonnet«? Soll ich's aufschlagen in dem Buch, wo die fremden Wörter stehen? Reden Sie doch nicht so schwach, Ehrenthal.« Dann seufzte Ehrenthal wieder, sah Veitel böse an und verbarg den Kopf in die Zeitung.