Die Fabrik hatte im Winter einige Monate gearbeitet. Die Rübenernte des Gutes war mißrathen, der Anbau in der Umgegend, von dem der Freiherr Vieles erwartet hatte, war unzureichend gewesen. Manche der kleinen Landwirthe hatten ihre Contracte nicht erfüllt, andere hatten Schlechtes geliefert. Die Rüben fehlten, es fehlte das Capital, die Fabrik stand still, die Arbeiter verliefen sich.
Ehrenthal war in die polnische Landschaft gereist, den Freiherrn schüttelte das Fieber der Erwartung. Er bestellte Postpferde, um seinem Bevollmächtigten nachzureisen, er bestellte sie wieder ab, denn ihm graute vor dem Tage des Termins, vor dem Bieten, dem Schacher und der bebenden Angst bis zum Schluß des Protokolls. Und wenn er dem Händler nicht traute, auf den Anwalt in Rosmin konnte er sich sicher verlassen. So kam der finstre Tag, wo Ehrenthal mit dem Brief des Justizcommissarius Walther vor ihn trat. Das Capital des Freiherrn war nur dadurch zu retten gewesen, daß Ehrenthal die Herrschaft für den Freiherrn erstand. Die Eigenthümer der ersten Hypothek von hunderttausend Thalern hatten ihn hinaufgetrieben bis hundertundviertausend, dann waren sie fortgefahren, kein anderer Käufer war im Termin erschienen. »Die Herrschaft gehört jetzt Ihnen, Herr Baron,« schloß der Händler. »Damit Sie im Stande sind, die Güter zu behaupten, habe ich mit den Eigenthümern der ersten Hypothek verhandelt, sie werden Ihnen die Hunderttausend auf der Herrschaft stehen lassen. Ich habe für Sie erlegt viertausend Thaler und die Gerichtskosten.« Der Freiherr sprach kein Wort, sein Kopf fiel schwer auf das Holz des Schreibtisches. Der Händler erzählte, wie er die Herrschaft für den Freiherrn übernommen hatte. Vor der Thür brummte er: »Es ist vorbei mit ihm. Zum nächsten Quartal verliert er sein altes Gut, und er hat keine Kraft, zu behaupten das neue. Zuletzt werde ich kaufen müssen auch diese Herrschaft.«
Jetzt nahte der Termin, an dem der Freiherr die Interessen aller geliehenen Gelder bezahlen sollte. Er fuhr umher und suchte wieder Geld. Vergebens. Zuletzt kam er zu Georg Werner, der das Gut seiner Mutter übernommen hatte. Befangen empfing ihn der junge Herr, welcher einige Jahre lang Lenoren seine Huldigung gegönnt und sich dann vorsichtig zurückgezogen hatte. Die Verlegenheiten des Freiherrn waren kein Geheimniß mehr. Der Gutsnachbar zeigte den Antheil, der bei solchen Veranlassungen schicklich ist. Er bedauerte sehr, daß dem Freiherrn auf der neugekauften Herrschaft eine so große Hypothek ausgefallen war. »Wen haben Sie zum Termin geschickt?« frug er.
»Den Hirsch Ehrenthal,« erwiederte der Freiherr gedrückt.
Jetzt wurde der Nachbar beredt. »Ich fürchte,« rief er, »der Mensch hat Sie schlecht vertreten. Ich kenne diesen Wucherer. Er hat uns vor Jahren durch seine Schurkerei um eine große Summe gebracht. Mein Vater hatte auf seinem Gut oben in der Provinz einen Wald geschlagen und das Holz an einen Holzhändler abgeliefert. Ehrenthal machte mit diesem Mann ein Gaunergeschäft, er handelte ihm das Holz zu einem Spottpreise ab, der Andere entwich nach Amerika. Die beiden Schurken haben das Geld meines Vaters mit einander getheilt.«
Die Wange des Freiherrn wurde fahl, er stand auf, sprach von seinem Anliegen kein Wort mehr und entwich von der Schwelle des Nachbars wie ein Verbrecher.
Seit dem Tage brütete er in seinem Sessel finster vor sich hin; wenn er ausging, that er es nur, um sich auf Augenblicke zu betäuben. Er war rauh gegen seine Gemahlin, ganz unzugänglich für die Tochter. Die Frauen litten unsäglich.
Noch eine Hoffnung dämmerte ihm, die Vermittlung Bernhards. Und diesmal hatte er Recht, auf dem Wege war noch Rettung zu finden. Aber er ergriff nicht die Hand, die sich ihm uneigennützig darbot, nicht Anton ließ er rufen, sondern einen Andern, der ihm unheimlich war, wenn er ihn nicht sah, und dessen trödelhaftes Wesen ihm wohl that, so oft er ihn erblickte. Noch einmal in der letzten Stunde bot ihm das gnadenvolle Schicksal die freie Entscheidung über seine Zukunft. Ach, aber er selbst war nicht mehr frei. Es war der Fluch einer schlechten That, der jetzt sein Urtheil verwirrte.
Wieder stand Itzig vor ihm, der Freiherr sah die gekrümmte Gestalt von der Seite an: »Der junge Ehrenthal hat sich gegen mich erboten, meine Differenz mit seinem Vater beizulegen.«
Veitel fuhr in die Höhe, wie durch einen Schuß getroffen, »der Bernhard!« rief er heftig.