»Soll man da nicht die Geduld verlieren?« rief Fink entrüstet. »Gerade du und deinesgleichen haben mehr Recht, den Kopf hoch zu tragen, als der größte Theil der Societät, welche dort zusammenkommen wird. Und gerade Ihr seid es, die durch ungeschicktes Benehmen, bald durch Schüchternheit, bald durch Kriecherei die Prätensionen der Landjunkerfamilien erhalten. Wie kannst du dich selbst für schlechter halten, als irgend jemand Anderen? Ich hätte nicht gedacht, daß eine solche Niedrigkeit auch in deiner Seele Raum findet.«
»Du irrst,« erwiederte Anton erzürnt, »ich halte mich nicht für geringer, als ich bin, aber es wäre thöricht und anmaßend wenn ich mich in die Gesellschaft Anderer eindrängen wollte, welche mich aus irgend einem Grunde nicht gern sehen. Gerade mein Selbstgefühl verbietet mir, mit Solchen zu verkehren, welche einen Mann deßhalb geringer achten, weil er in einem Comtoir arbeitet.«
»Ich sage dir aber, deine Person wird den guten Leuten nicht unangenehm sein, ich stehe dir dafür,« sagte Fink überredend. »Du kennst die Gesellschaft nicht und denkst dir Alles viel zu schwer. Es ist Mangel an Herren, ich gelte etwas bei der Frau vom Hause — nebenbei gesagt, ich bin nicht stolz darauf; — sie hat mich gebeten, einige junge Männer meiner Bekanntschaft bei ihr einzuführen; ich führe dich ein, die Sache ist ganz in der Ordnung. Sieh das Geschäft doch etwas näher an. Was ist diese Tanzstunde? Es ist eine Art Actienverein zur Verbesserung der Waden aller Theilnehmer, du bezahlst deinen Antheil am Stundengeld wie jeder Andere, und ob du eine junge Comtesse oder ein Bürgermädchen in der Mazurka herumschwenkst, Taille ist Taille, die Bälger tanzen alle gern.«
»Es geht doch nicht,« antwortete Anton kopfschüttelnd, »ich habe das Gefühl, daß es unpassend wäre, und möchte diesem gehorchen.«
»Ich will dir einen Vorschlag thun,« sagte Fink ungeduldig; »du sollst in diesen Tagen mit mir einen Besuch bei Frau von Baldereck machen. Ich werde dich als Anton Wohlfart aus dem Comtoir der Firma »T. O. Schröter« vorstellen; du sollst kein Wort von der Tanzstunde erwähnen; du wirst abwarten, wie die gute Dame dich aufnimmt. Wenn diese Tanzmutter etwas Anderes ist, als eitel Liebenswürdigkeit, wenn sie dir auch nur die geringste Hauteur zeigt, und nicht selbst von der Tanzstunde anfängt, so sollst du vollständige Freiheit haben, bei deiner Weigerung zu beharren. Dagegen kannst du nichts Stichhaltiges einwenden.«
Anton zauderte und überlegte. Die Sache schien ihm keineswegs so einfach, wie Fink sie darstellte, aber er war nicht mehr der Mann, kaltblütig zu prüfen und zu wählen. Seit Jahren verbarg er einen Wunsch im Grund seiner Seele, die Sehnsucht nach dem freien, stattlichen, schmuckvollen Leben der Vornehmen. So oft er die Tanzmusik im Vorderhause hörte, so oft er von dem Treiben der aristokratischen Kreise las, sehr oft, wenn er mit sich allein war, wurde in ihm eine holde Erinnerung lebendig, das hohe Schloß mit Thürmen im Blumenpark und das adlige Kind, das ihn über den Schwanenteich gefahren. Jetzt wieder stieg das Bild in ihm auf, in dem goldenen Licht, das seine Poesie in jahrelanger Arbeit dazugethan. Er sprang auf und willigte in den Vorschlag des erfahrenen Freundes.
Eine Stunde darauf kam der Schneider, von Fink geführt, und Fink bestimmte selbst das Detail der neuen Ausstattung mit einer Sachkenntniß, welche dem Schneider nicht weniger als Anton imponirte.
Am Nachmittag leckte die Novembersonne den Schnee von den Steinen der Straße. Da steckte Fink einige merkwürdig aussehende Papiere in seine Brusttasche, schlenderte als müßiger Wanderer durch die lebhaftesten Straßen der Stadt und sah sich mit scharfem Blick um, wie ein Polizeibeamter, der Beute sucht. Endlich lenkte er mit zufriedenem Gesicht auf das Trottoir der entgegengesetzten Straßenseite und stieß dort auf zwei elegante Herren, welche, wie er, einsam durch das plebeje Treiben der Sonntagsspaziergänger zogen. Es war der Lieutnant von Zernitz und Herr von Tönnchen, beide von großem Unternehmungsgeist und untadelhaften Allüren.
»Teufel, Fink!« —