»Es ist ein altes Rohr,« sagte Fink, »und morgen müssen Sie es ohne Widerrede annehmen, denn heut werden Sie mich nicht los, Sie sollen mit mir zu Feroni. Was aber die geheimnißvolle Abtretung der Güter betrifft, so handle ich hier nicht ganz freiwillig. Es ist eine Art politisches Geheimniß dabei, das ich auch Ihnen nicht mittheilen kann, schon deßhalb nicht, weil mir die Sache selbst noch nicht recht klar ist.«
»Ist denn das Gut groß, welches Sie abgetreten haben?« frug Herr von Tönnchen.
»Ein Gut?« frug Fink und sah nach dem Himmel, »es ist gar kein Gut. Es ist eine Bodenfläche, Berg und Thal, Wasser und Wald, ein freilich kleiner Theil von Amerika. Und ob dieser Besitz des Herrn Wohlfart groß ist? Was nennen Sie groß? Was heißt groß auf dieser Erde? In Amerika mißt man die Größe des Landbesitzes nach einem andern Maaß, als in diesem Winkel von Deutschland. Ich für meinen Theil werde schwerlich je wieder eine solche Besitzung mein Eigenthum nennen.«
»Wer ist denn aber dieser Herr Wohlfart?« frug auf der anderen Seite der Lieutnant.
»Sie sollen nächstens seine Bekanntschaft machen,« antwortete Fink. »Er ist ein netter Junge aus der Provinz, über dem ein merkwürdiges Schicksal schwebt, von dem er selbst zur Zeit noch gar nichts weiß und nichts wissen darf. Doch genug von Geschäften. Ich habe für diesen Winter etwas mit Ihnen vor. Sie sind zwei alte Knaben, aber Sie müssen doch noch einmal Tanzstunde nehmen.«
Bei diesen Worten traten sie in die Weinstube des Italieners, wurden von Feroni mit tiefen Bücklingen empfangen und vertieften sich schnell in Untersuchungen über die Reize der schweren Weine von Portugal.
Frau von Baldereck war eine Hauptstütze der allerbesten Gesellschaft, welche durch die Familien des Landadels, einige höhere Beamte und Offiziere gebildet wurde. Es war schwer zu sagen, welche Vorzüge der Dame eine solche Achtung gebietende Stellung verschafft hatten; sie war weder sehr vornehm, noch sehr reich, noch sehr elegant, noch sehr geistreich, noch sehr medisant, aber sie besaß von allen diesen Eigenschaften etwas. Sie hatte in ihrem Privatleben stets so viel als irgend möglich auf Grundsätze gehalten und hatte das Selbstgefühl gehabt, sich den Anspruchsvollen niemals aufzudrängen. Wegen dieser constanten Mäßigung war sie von der öffentlichen Meinung erhöht worden. Sie besaß eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft, war vertraut mit allen Heirathen und Verwandtschaften aller Familien der Provinz, stand in allen distinguirten Häusern auf der ersten Seite der Einzuladenden und machte als Wittwe selbst ein mäßiges Haus, welchem der Hahnfederbusch eines Jägers und zwei fette Rappen zu anständigem Schmuck gereichten. Frau von Baldereck war nach alledem eine regelrechte Dame, welche Personen und Ereignisse genau nach den Vorurtheilen der Gesellschaft, in welcher sie lebte, zu beurtheilen wußte; deßhalb wurde ihr Urtheil überall mit großer Achtung angehört. Daß sie außerdem nicht ohne Gutmüthigkeit war, rechnete ihr die Gesellschaft, für welche sie lebte, wahrscheinlich nicht so hoch an, als der alte Engel des Gerichts, welcher im Himmel über die Thaten der Menschen Buch führt, und welcher, nebenbei bemerkt, nach der Usance seines heiligen Geschäfts oben auf die Seiten des Buches statt des irdischen Credit und Debet die Wörter Schaf und Bock zu schreiben pflegt und alle Creditposten auf die rechte Seite, die Böcke aber auf die linke setzt. — Frau von Baldereck hatte eine junge Tochter, welche ihr sehr ähnlich zu werden versprach, und bewohnte einen ersten Stock mit großen Zimmern, worin seit einer Reihe von Jahren häufige Proben von Aufzügen, dramatischen Vorstellungen und lebenden Bildern abgehalten wurden.
Die einflußreiche Dame war gerade in vertraulicher Berathung mit einer Schneiderin, sie überlegte, wie tief der Ausschnitt der Kleider eingerichtet werden dürfe, um die tadellose Büste ihrer Tochter im besten Licht zu zeigen, und doch wieder in der Tanzstunde keinen Anstoß zu erregen, als Fink, ihr Liebling, gemeldet wurde. Eilig schob sie die Tochter, die Schneiderin und die Kleider bei Seite und erschien in dem Besuchzimmer mit der Gemüthlichkeit einer Hausfrau, welche für sich selbst nicht mehr übermäßige Ansprüche macht.
Nach den einleitenden Bemerkungen über die Ereignisse der letzten Abendgesellschaft und die langen Hängelocken der Comtesse Pontak sagte Fink, indem er angelegentlich einen Fußschemel maltraitirte, auf welchem ein schlafender Pinscher, von der Tochter des Hauses gestickt, unter den Fußbewegungen des Gastes stöhnte: »Ich habe Ihren Auftrag ausgerichtet, Lady Patroneß, und bringe Ihnen vorläufig drei Herren.«