»Ja, da wird wohl nichts helfen,« sagte der Vater kopfschüttelnd, »mit Tanzen fängt's an, mit der Hochzeit hört's auf. Es ist mir auch so gegangen.«
»Dich hätte ich auch sehen mögen,« rief Karl.
»Oho,« rief der Riese, »ich habe zu meiner Zeit getanzt wie ein Kreisel, Walzer, Hopswalzer, russischen Walzer und im Großvatertanz hatte ich nicht meines Gleichen.«
Karl sah den Vater mißtrauisch an. »Ja,« fuhr der Riese vergnügt in der Erinnerung fort, »wenn der Fußboden fest ist und gute Kameraden dabei, so lasse ich mir die Arbeit schon gefallen. — Es war großer Ball im Bürgerverein, ich war geladen, der Wilhelm mit, welcher damals noch ein schmächtiger Junge war. Ich gedenke es wie heute, ich hatte einen blauen Rock an mit blanken Knöpfen und stand mitten im Saal und sah auf die Gesellschaft, die sich um mich herumdrehte. Da fiel mir deine Mutter in die Augen, ach, ein niedliches Ding, wie eine Puppe saß sie da; neben ihr saß ihr Vater als Schlossermeister. »Guten Abend, Hans,« rief der Schlosser mich an, »bist du auch da?«
»Ich sollt's denken, Gevatter,« sagte ich und trat näher, und je mehr ich mir die Puppe besah, desto besser gefiel sie mir. »Dies ist meine Tochter,« sagte der Schlosser, »du kennst wohl das Mädel gar nicht mehr? Sie ist zwei Jahre auf dem Lande bei der Muhme gewesen.« »Wie sie hübsch geworden ist!« sagte ich, »sie ist rund und sie ist nett, wie gedrechselt.« Die Kleine wurde roth, und auch ich wurde feurig. »Na,« sagte der Schlosser, »wenn du mit ihr tanzen willst, immerzu! Greif sie nur nicht zu hart an.« »Nur zart,« sagte ich und führte sie zum Tanz. Wir mochten wohl contrair ausgesehen haben, das kleine Blitzmädel und ich, und ich glaube, die Leute lachten.
»Das hättest du nicht leiden sollen,« rief Karl, der sich ihm gegenübergesetzt und die Arme untergeschlagen hatte.
»Es war nicht böse gemeint,« sagte der Alte, »und deine Mutter gestand mir nach den ersten Tänzen, sie mache sich nichts daraus, wenn auch die Leute lachten. Ja, und sie sagte, es tanze sich gut mit mir. Natürlich tanzte ich den ganzen Abend mit ihr, nun erst recht. Und beim letzten Tanz gab es ihretwillen noch einen Handel mit dem Wilhelm, denn wie er sah, daß ich mit ihr tanzte, wollte er auch mit ihr tanzen, und wie er merkte, daß ich ihr den Hof machte und mich um sie herumdrehte und mir in die Haare fuhr und draußen vor dem Saale beim Blumenmädchen einen Strauß für sie kaufte und einen für mich, da kaufte er auch zwei Sträuße und drehte sich um sie herum wie ein Finkenhahn, bis ich ihn zuletzt bei Seite zog und ihm sagte: »Siehst du, Wilhelm, bei jedem Wagen, und bei jedem Faß, und bei jedem Collo sollst du deine Hand haben, wo ich meine habe, aber hier bei dieser Schlosserstochter nicht rühran!« »Warum nicht?« frug er. »Warum,« sagte ich, »weil wir Freunde sind, Wilhelm, und ich dir keinen Puffer geben möchte, und ich dich nicht abwalken möchte vor den Leuten.« »Weißt du was,« sagte er, »du bist schalu.« Da merkte ich, wie ich daran war. Seit dem Tage war ich verliebt. Auch du wirst merken, wie das thut. Es macht unruhig, und es bringt in Unordnung, und es macht hitzig, und man fängt an zu singen, man schreibt Briefe und kauft sich einen neuen Rock. So treibt's Jeder, und so habe ich's gemacht. Durch sechs Wochen, dann war die Hochzeit. Und dein Großvater bestand darauf, daß alle Auflader dazu geladen wurden. Und beim Polterabend tanzten wir Auflader mit einander eine Kegelquadrille, und ich war der erste Kegel. Das Haus erschütterte sich wohl, aber es ist kein Unglück geschehen, nur der Kronleuchter wurde zerbrochen.
»Potz Wunder!« rief Karl, »das hätte ich sehen mögen; schade, daß ich nicht dabei war!«
»Du ungezogener Knirps,« sagte der Vater, »wie konntest du dabei sein, an dich war damals noch gar nicht zu denken. Natürlich nicht, es war ja erst die Vorbereitung.«