»Ich bin in dieser Provinz geboren und erzogen,« antwortete Anton.
Ein »So?« kam eisig von den Lippen der Dame. »Und woher?«
»Aus Ostrau,« erwiederte Anton schnell das Haupt erhebend. Das Verhör wurde ihm drückend, er wußte selbst nicht, weshalb, und seine Schüchternheit verflog vor dem aufsteigenden Aerger.
»Mein Freund, stolze Herrin, ist ein halber Slave,« sagte Fink, zur rechten Zeit dazwischen tretend, »obgleich er leidenschaftlich dagegen protestirt, wenn man an seiner deutschen Herkunft zweifelt. Dafür macht er Hoffnung, dereinst ein guter Engländer zu werden. In diesem Augenblick theilt er meinen Wunsch, Gnade vor Ihren Augen zu finden. Ich empfehle ihn Ihrer Huld; Sie haben so eben eine Probe von Ihrem Talent gegeben, fremder Menschen Natur zu erforschen; gönnen Sie jetzt meinem Freunde, was wir Alle an Ihnen bewundern, Ihre sanfte Nachsicht mit fremder Unvollkommenheit.« — Die Frauen lächelten, einige der Herren wendeten sich ab, um ihr Lachen zu verbergen, und Betty saß mit gesträubten Federn da, wie ein Raubvogel, dem ein größerer seine Beute abgejagt hat.
Anton eilte, sich dem Blick dieser Gruppe zu entziehen, er schlüpfte in eine andere Ecke und gedachte sich durch ruhiges Beobachten der Gesellschaft von der Anstrengung seiner Präsentation zu erholen. Da schlug ein Battisttuch leicht an seinen Arm und eine dreiste Mädchenstimme frug: »Herr Wohlfart, kennen Sie Ihre alten Freunde nicht mehr? Es ist das zweite Mal, daß ich Sie zuerst grüßen muß.«
Anton wandte sich schnell zur Seite. Vor ihm stand eine hohe schlanke Gestalt mit blondem Haar und großen tiefblauen Augen, welche ihm lächelnd in's Gesicht sah. So sprechend war der Ausdruck des Entzückens auf Antons Antlitz, daß Lenore sich nicht enthalten konnte, ihm freundlich zuzunicken und zu sagen: »Ich freue mich, daß Sie hier sind. Die Herren sind mir alle fremde Gesichter. Aber wie kommen Sie hierher?«
Anton erklärte das in einer Stimmung, welche ihn fast der Herrschaft über seine Worte beraubte, verloren im Anblick des Fräuleins, welches jahrelang, ohne es zu wissen, in seiner Dachstube unumschränkt geherrscht hatte. Wie war sie in der letzten Zeit groß, voll und schön geworden! Und das luftige weiße Kleid und der Blumenkranz von nie dagewesenen Blumen im Haar! Mächtig glänzte das Auge in dem entzückenden Gesicht, und ihre Haltung war die einer Fürstin.
Schnell waren Beide in eifrigem Gespräch, es war zum dritten Mal, daß sie einander sahen, aber sie hatten so viel zu erzählen, als hätten sie Jahre gemeinsam verlebt.
»Wir werden heute Alle durcheinander tanzen und uns um unsern Tanzmeister gar nicht kümmern,« sagte endlich das Fräulein. »So ist mir's am liebsten. — Sie dürfen jetzt nicht länger mit mir allein sprechen, unterhalten Sie sich mit andern Damen. Ich gehe zu meiner Mutter. Wenn die Musik anfängt, kommen Sie zu mir, ich werde Sie der Mama vorstellen.«
So winkte sie ihm gnädig zu und schritt majestätisch durch den Saal in einen Kreis von Frauen.