»Ich schwöre es Ihnen zu,« erwiederte Anton feierlich.

»Ich danke Ihnen, bitte, seien Sie vorsichtig.«

Anton eilte in das Gewühl und beschäftigte sich die nächste Viertelstunde mit Suchen. Nichts lag auf dem Boden, nichts auf den Plätzen, keiner von den Dienern hatte etwas gefunden, das Buch war verschwunden. In tiefstem Mitgefühl brachte er den Damen die traurige Nachricht. Der Tanz begann. Theone vermochte vor Kopfschmerz nicht sich zu erheben, der innerste Schrein ihres Herzens war geöffnet, sein Inhalt auf den Markt geworfen, alle ihre Gefühle lagen nackt vor Jedermanns Auge, alle ihre Geheimnisse wurden Gemeingut einer rohen Außenwelt. Lenore fühlte das Unglück mehr vom Parteistandpunkt. Die Braunen waren in Gefahr, eine Niederlage zu erleiden, von der sie sich niemals erholen konnten. Und jetzt tanzen! Es war ein Tanz, wie auf einem Vulkan, der Boden war glühende Lava, jeden Augenblick konnte die Explosion erfolgen. Je länger die Verbündeten über ihr Schicksal nachdachten, desto schrecklicher wurden die Aussichten; denn immer noch fielen ihnen neue Gräßlichkeiten ein, die in dem Buche standen.

Als der Tanz beendigt war, begab es sich, daß Fink im Vorbeigehen vor Hildegard mit dem Fuß auf den Boden wippte und zu ihr gewandt sagte: »Dieser Boden klingt so hohl, ich weiß nicht, was das bedeuten soll, vielleicht liegt ein verlorener Schatz unter den Füßen.«

Hildegard stürzte zu Lenore und dem kranken Sympathievogel und rief außer sich: »Herr von Fink weiß es.« Die braunen Bänder flatterten in eine Ecke, die Mädchenköpfe fuhren zusammen und hielten Berathung. Endlich wurde entschieden, daß diese Aeußerung sehr beunruhigend sei, aber keine Gewißheit des Unglücks gebe.

Doch auch diese letzte Unsicherheit sollte verschwinden, denn Finks Benehmen wurde auffallend. Er vernachlässigte heut seine Partei, er suchte alle Braunen auf, er setzte sich zu Theone, welche die Greuel von Juliens Sterbescene und den Untergang des Hauses Capulet bereits drei Mal durchgekostet hatte und ihre Thränen gar nicht mehr zurückhalten konnte; er fing ein Gespräch mit ihr an, er zwang sie zu antworten, er beklagte ihr bleiches Aussehen und schalt auf das heiße Zimmer. Er quälte sie bis zur Ohnmacht und schloß endlich seine teuflische Rache damit, daß er sie auf Hulda Werner aufmerksam machte und frug: »Wie gefällt Ihnen das grüne Kleid? Sieht sie nicht aus wie ein Zeisig?« — Sein nächstes Opfer war Lenore. Sie stand unter ihrer Schaar noch immer mit dem Stolz einer Fürstin, aber einer entthronten. Vor allen ihren Getreuen redete Fink sie an. Sie war artiger gegen ihn, als je in ihrem Leben, sie preßte ihr Taschentuch zusammen, daß die Spitze riß, um sein Lächeln ruhig auszuhalten. Alles ging gut, bis zu dem Augenblick, wo er dem vorübergehenden Herrn von Tönnchen mitten im Gespräch zurief: »Benno, knacken Sie gern Nüsse?«

Benno Tönnchen, der auch ein Grüner war, sagte verwundert: »Nein, wenn Fräulein Lenore uns eine aufgegeben hat, so fürchte ich, wird sie für mich zu hart sein.«

Jetzt war es entschieden, kein Zweifel mehr möglich, Fink hatte das Buch. Die braunen Bänder rauschten auseinander, die Partei glich einem Schwarm entsetzter Küchlein, unter welche der Habicht stößt. Nur Lenore nahm sich zusammen und trat entschlossen auf Fink zu. »Sie haben das Buch, Herr von Fink, eine meiner Freundinnen hat es verloren und ist sehr unglücklich darüber. Sein Inhalt ist nicht für fremde Augen, er kann in dieser Gesellschaft großen Aerger verursachen. Ich bitte, daß Sie mir das Buch zurückgeben.«

»Ein Buch?« frug Fink neugierig, »was für ein Buch?«

»Verstellen Sie sich nicht,« sagte Lenore, »es ist uns Allen deutlich, daß Sie es haben. Ich kann nicht glauben, daß Sie es nach dem, was ich Ihnen über die Folgen gesagt habe, noch einen Augenblick behalten können.«