Lootse, der, ein Mann, der Seefahrt und des Ortes kundig, der den Beruf hat, einem Schiff in schwierigem Fahrwasser den Weg in den Hafen oder aus dem Hafen zu zeigen; das Schiff zu lootsen. Um dieses Wort richtig erklären zu können, müssen wir vor allen Dingen von dem italienischen, französischen, englischen, holländischen piloto, pilote, piloot, pyloot ganz absehen, wenigstens zunächst. Diese Wörter werden oft mit Lootse zusammengebracht, haben aber nichts damit zu schaffen und können daher die Untersuchung nur trüben und verwirren. Auch der Versuch, das Wort zu Lot zu stellen, als sei der Lootse ein Mann der durch Loten die Tiefe des Wassers feststelle, muß aufgegeben werden. Das Bremer Wörterbuch sagt zwar: „Loots, Lootsmann = Piloot, der mit dem Senkblei die Tiefe des Wassers ergründet. Überhaupt ein erfahrener Mann, der das Fahrwasser, die Tiefen und Untiefen kennt‟, aber dadurch wird die Sache nicht besser, denn wenn auch das zweite, mit dem erfahrenen Mann stimmt, das erste, mit dem Loten, stimmt keineswegs. Wer auch nur einmal in seinem Leben mit einem Lootsen gefahren ist, der muß wissen, daß ein solcher viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt ist und auf zu viel anderes zu achten hat, als daß er sich aufs Loten einlassen könnte. Dazu wird eigens ein Matrose abgeteilt, der die gelotete Tiefe laut aussingt. — Auf die richtige Spur leitet uns das niederländische lodsman, englisch loadsman, altenglisch lodeman. Dieses lod aber hat mit lod = Blei nichts gemein, sondern heißt Weg. Ein lodsman ist also ein Wegmann, ein Mann der den Weg zeigt, und zwar, sinnverwandt mit dem brim-wisa = Führer zur See, ein Wasserwegweiser. Im Seebuch (1400) heißt der Name loedman und loetsman, lootsmann und dieser Ausdruck kehrt, wie Breusing (Jahrbuch V. 8) anführt in allen nordischen Quellen des Seerechts wieder; „in den Jugemens d'Oleron als lodemann; water regt van Damme als laedsage; kostumen van Westcapelle als leydtsman; Waterrecht van Wisby als Leytsager und leytsman.‟ Kilian, der pylloot freilich mit „expertus nauta, qui bolide altitudinem maris explorat, nauta loci peritus‟ übersetzt, hat doch auch die Form lootsman. — In einem Hansareceß von 1437 lesen wir: „Int erste hebbe ik gegeven deme losmanne, de my segelde in de Temese 6 Pf.‟ Und anderweitig: „So wan en schip van nodt wegen queme vor eyn land, dar yd hauen moste, vnde vmbekant were, so dat ydt eynen leydsagen bederuede‟ ... Weiter: „Wor en scipper wynnet enen sturman, eder enen letsagen edder enen schepesknapen, deme synt se to rechte schuldich syne reise wol to donde.‟ Auch im übertragenen und bildlichen Sinne in einem Adventsgebet: „O heerscopper aller heren vnde weldighe leytsaghe des slechtes Israhel.‟ Das früheste Zeugnis für die Form letsaghe fällt in das Jahr 1299: „So wellik letsaghe jof sturman oder schipman, de sic vormedet heuet eneme unseme borghere, wil he enen vnsen borghere vorklaghen, dat schal he don vor sineme oldermanne‟ (Lüb. Urk.) — Das Wort lootsman hat sich in dieser Gestalt, wie die Stelle aus dem Bremer Wörterbuch beweist, zwar bis in die neuere Zeit erhalten, daneben aber hat sich allmählich das Wort durch Verschlucken der Endsilbe in Lootse abgeschliffen, zunächst nur in der gesprochenen Sprache, so wie man boatswain Bosen ausspricht und das mann in Bootsmannsmaat verschluckt und Bootsmaat sagt. — Das Wort ist also ein echt germanisches. Heißt doch im Altenglischen der Nordstern loadstar, Weg-, Leitstern, und der Magnet loadstone = Weg-, Leitstein. Und zwar ist das erste Wort in der Zusammensetzung mit unserem neuhochdeutschen leiten = führen verwandt, die wörtliche Übersetzung von Bootsmann also „Geleitsmann‟. So war das Wort im Mittelalter in Deutschland, England, Holland und auch in Frankreich in Gebrauch. — Nun kamen aber zur Hansazeit die Italiener in deutsch-niederländische Häfen. Die hatten bis dahin so etwas wie einen Lootsen in unserem Sinne gar nicht gekannt. Wohl hatten sie einen piloto, aber der stellte, wie aus der Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen bekannt ist, und wie Breusing a. a. O. vortrefflich ausgeführt hat, etwas ganz anderes dar, einen Mann, der einen ganz anderen Beruf hat als ein Lootse, nämlich überhaupt einen seekundigen Mann, der die Navigation auf offener See betreibt, wie wir z. B. aus den Reisen des Columbus wissen, daß der eine der Gebrüder Pinzon der piloto mayor des Geschwaders der ersten Fahrt war. „Ein Bedürfnis von Lootsen in unserem jetzigen Sinne, wo das Wort einen Wegweiser für enge gefährliche Fahrwasser bedeutet, besteht im mittelländischen Meere gar nicht. Die großen Handelsemporien Konstantinopel und Alexandria, Messina und Palermo, Venedig und Genua, Neapel, Marseille, Barcelona, Valencia, Malaga[3] liegen an offener See. Andererseits muß man bedenken, daß in früheren Zeiten der Schiffer eigentlich nur der Schiffsherr war und kein Seemann zu sein brauchte. Ulloa in seiner Conversationes sagt darüber: En lo antiguo eran dos ministerios separados, el de mandar las embarcaciones y el de dirigirlas. Los capitanes tenian el mando interior civil, economico y militar; y les pilotos eran los que desempenaban la parte nautica en pilotage y maniobra. So erklärt sich die Vorschrift, daß ein Schiffsherr, der nicht selbst Seemann war, einen der Schiffahrt kundigen Mann annehmen mußte, von selbst, und man hat hier nicht an einen Lootsen zu denken. Bei den Völkern des Mittelländischen Meeres hat das Wort piloto keine andere Bedeutung gehabt, als die wir mit einem „befahrenen Seemann‟ verbinden ... Auch der Nichtseemann begreift, wie widersinnig es wäre, für völlig unbekannte Gewässer (wie die von Columbus aufgesuchten) einen Lootsen anzustellen, der eben davon seinen Namen hat, daß er von einem ganz bestimmten Fahrwasser eine genaue Ortskenntnis besitzt, um als Wegweiser dienen zu können ... Erst nach dem Jahre 1300 kamen genuesische und venetianische Schiffe nach Antwerpen und lernten in den nordischen Meeren eigentliche Lootsen kennen. Denn hier lagen die Handelsplätze nicht wie im Mittelmeere an offener Seeküste. Hamburg und Bremen, Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen, London und Bristol, Rouen und Nantes und Bordeaux liegen tief im Lande an Revieren, deren Eingang durch Sandbänke versperrt ist und wo die Möglichkeit des Einsegelns von der genauen Kenntnis der von Ebbe und Flut bedingten Wassertiefe und Gezeitströmung abhängig ist.‟ Aber für einen loodsmann war kein Wort im Italienischen, eben weil die Sache unbekannt war. Da halfen sie sich mit einem anderen Wort, mit einem, das wenigstens so ungefähr etwas Ähnliches anzudeuten schien und nannten den loodsman: pilota. Diese beiden haben sich dann so miteinander vermengt und vermischt, daß in Holland, England und Frankreich, vielleicht unterstützt durch den ähnlichen Klang, die romanische Form die germanische in den Hintergrund geschoben hat. Doch ist es ihr weder in Frankreich noch in Holland gelungen, sie ganz zu verdrängen. In Frankreich ist nämlich das normannische lodemann in locman, dieses in locmaneur (mit Anbildung an gouverneur = Steuermann) und dieses in das neufranzösiche lamaneur übergegangen, und lamanage heißt heute noch die Thätigkeit des Lootsen, während man im Altfranzösischen maronier sagte, vom kymrischen mar = Führer, oder vielmehr von dem Beinamen des Mercurius Marunus = Wegweiser; auf einer bei Baden gefundenen Inschrift aus der Römerzeit steht: „Marones (Name eines Volkes in den Alpen) enim appellantur viarum praemonstratores‟. — Was aber Holland betrifft, so beweist ein Blick in das 1629 erschienene erste deutsche Buch über Schiffbau, die Architectura Navalis von Josef Furttenbach, daß das germanische Wort damals noch galt. Es ist da ein durch seine Schnelligkeit berühmtes holländisches Schiff unter Segel abgebildet und genau beschrieben, ein Schiff, das einst zu Wasser schneller von Amsterdam nach Genua kam, als der Avis mit der Landpost, der melden sollte, daß das Schiff geladen sei. Es führte den Namen „Lotzmann‟ und hätte ihn nicht führen können, wenn nicht Lotsmann neben pylot in Holland noch gangbar gewesen wäre. — Im Deutschen, und zwar in der deutschen Seemannssprache hat sich das deutsche Wort unbefleckt von piloto erhalten. Daher wir auch der Mühe überhoben sind, der Abstammung dieses Fremdwortes nachzugehen. Es macht sich zwar hie und da in hochdeutschen Büchern und namentlich Gedichten breit, aber es wird stets als Fremdwort empfunden. Und wenn bereits 1735 im „Seebuch‟ Johann Manson schreibt: „Für tieffgehenden Schiffen ist nicht rathsam dieses Fahr-Wasser einzusiegeln (durch das Mitteltief nach Wismar), wo er nicht desto besser bekannt ist, sondern muß sich Piloten aus der Stadt nehmen‟, so beweist das doch nur, daß damals schon die Fremdwörterei im Gange war, was ohnehin bekannt ist. Außerdem hat Hans Wittenburgk, Schiffer in Wismar, das Manson'sche Buch aus dem Schwedischen ins Hochdeutsche, so gut ers konnte, übersetzt. — Lootsenflagge ist die als solche erkennbare weil besonders unterschiedene Flagge, die ein Schiff hißt zum Zeichen, daß es einen Lootsen haben will; auch die Flagge die der Lootsendampfer, der Lootsenschuner zeigt, der Lootsen abzugeben hat. — Ein Lootsenkommando hat einen Lootsenkommandeur, Oberlootsen, Steuerleute, Lootsen, Lootsenaspiranten etc. etc. — Lootsenwasser ist ein Fahrwasser, das man auf Karte und Segelanweisung hin nicht befahren kann, sondern nur mit Hilfe eines Lootsen. Waghenaer im „Spiegel der Zeevaerdt‟, 1588, schreibt: „Dan men moet verstaen dat wij dese Tonnen ende Baecken alhier so aengeteckent hebben, als de selue int voorleden Jaer van 82 geleyt ende gestelt sijn geweest. Ende dat de diepten ende stroomen Jaerlyckx seer verloopen ende verandern: ouermidts d'onghestadighe sandtgronden, ende dat de gaten beneffens der Zee seer wyt ende breet worden, waer door dese stroomen al Lootsmans water syn, darmen hem versien moet van goede Piloten.‟ Ein neuer Beweis, wie man in Holland Lootsman und Pilot neben einander gebraucht hat. Vergl. auch Waghenaers Segelanweisung für Brest: „Oock meucht ghy van daer innewaerts seylen voor den hauen van Brest, maer daer leyt een Clippe ghenaemt de Bagyne recht binnen d'Oosthoeck van Croixduynen af, ontrent Midtswater aen de Noortzyde ist best daeromme te loopen. Voorts die inde hauen van Brest oft Landerneau wil wesen, moet schicken Lootsluyden in te cryghen wantet Lootsmans water is.‟
[3] Diese Sätze sind am 17. Dezember 1900 geschrieben, am Tage, ja in der Stunde, da die Nachricht vom Untergang S. M. S. „Gneisenau‟ einging.
Löschen, die Ladung des Schiffes an Land bringen. — Bei dem neuhochdeutschen Zeitwort löschen denkt man zunächst an Brennen, sei es daß Holz oder Durst brennt. Eine Ladung löschen müßte demnach bedeuten, daß sie brennt und daß dem Feuer gewehrt wird. Das seemännische Löschen heißt aber eigentlich garnicht löschen, sondern lößen (und dieses ist unser hochdeutsches lösen). Das wird im Niederdeutschen in sehr allgemeinem Sinne gebraucht. Man sagt z. B. in Ostfriesland: eine Tür lösen oder los machen anstatt öffnen, und gebraucht lößen für frei machen, auslösen (vergl. Geld lösen, Erlös), befreien, entfernen, trennen, scheiden, entbinden, entfesseln; „stenen, törf, kalen, rogge etc. etc. lössen.‟ Die eigentliche Bedeutung von Löschen ist also: Die Ladung vom Schiffe (los =) lösen (entfernen, das Schiff entladen). Gothisch liusan = los, frei machen, leicht machen, lichten. Aubin: „Een ship lossen, Last lossen = Lichten, de goederen afschepen, outschepen, ontlasten, ontladen, ontlossen. Teuthonista: loyssen = ontbinden. Bremer Wörterbuch: „lossen, ein Schiff ausladen. Einige Oberländer sprechen unrecht löschen.‟
Lose, die s. durcholen.
Loskiel, der, „ist eine unter dem Kiel angebrachte Holzplanke, welche mit demselben nur in solcher Weise verbunden wird, daß sie bei Grundberührungen sich loslösen kann, ohne daß Leckagen entstehen. Sie bietet also dem Schiff beim auf Grund Kommen einen gewissen Schutz‟ (Dick u. Kretzschmer I. 85).
Loten, die Tiefe des Wassers mit dem Lot messen, sei es mit dem Handlot, sei es mit dem „großen‟ oder Tieflot. Ersteres ist die häufigere Art, namentlich beim Einfahren in einen Hafen oder beim Ausfahren aus demselben üblich, wobei der lotende Matrose die gelotete Tiefe in Metern aussingt: „grade — das a sehr lang — fünfzehn! (wobei dann genügsame Gemüter immer wieder mit dem Scherze kommen, fünfzehn sei ja gar nicht grade) oder: „zwanzig Meter und keinen — das ei sehr lang — Grund!‟ — Die Zahl der Meter ist an den verschiedenfarbigen in die Lotleine eingeknoteten Streifen Zeug kenntlich. — Das niederdeutsche lod heißt Blei, Lot ist also das Hochdeutsche „Senkblei‟. Die Sache selbst ist eine uralte Einrichtung, vergl. die Beschreibung des Sturmes Apostelgeschichte 27, 27 und 28; Luther hat die Stelle übersetzt: „Da aber die vierzehente Nacht kam, und wir in Adria fuhren, um die Mitternacht, wähneten die Schiffleute, sie kämen etwa an ein Land. Und sie senkten den Bleiwurf ein und funden zwanzig Klafter tief, und über ein wenig von dannen senkten sie abermal und funden funfzehn Klafter.‟ Das griechische Zeitwort für „den Bleiwurf einsenken‟ heißt bolizo, von ballo ich werfe; dem entsprechend bolis beides heißt: Wurfgeschoß und Senkblei. Es ist klar, daß Bleiwurf viel treffender ist als Senkblei, denn das Werfen, das Schwingen und dann möglichst weit nach vorne Werfen des Bleies ist eine wesentliche Bedingung beim Loten. — Das Seebuch (1400) nennt die Tätigkeit depen = tiefen, wie man jetzt wohl auch noch sagt: „ein Fahrwasser austiefen‟, was nicht mit ausbaggern zu verwechseln ist. — Der lotende Matrose steht außenbords, mittschiffs, auf einer Gräting und muß sich bei seiner Arbeit sehr weit nach vorne überbeugen um das Lot möglichst weit vom Schiff frei zu bekommen (hoher Schwung und weites Werfen ist Ehrensache); daher ist er mit einer Art von Schurz umgeben, der, am Schiffe befestigt, ihm Halt bietet und Lotbrook heißt. Die Leine heißt Lotleine.
Es trieben Südenwinde sie in die offne See,
Dem edlen Fahrtgesinde schuf es bitteres Weh,
Mit tausend Leinen hätte es den Meergrund nicht gefunden,
Die besten Schiffer stöhnten; allen war der Mut dahingeschwunden.