„Aber warum hat sie denn das Wasser ausgegossen und nach meinem Hause hin mit der Faust gedroht?“
„Ich kann mir schon denken, was die Ursache war,“ sagte Majull. „Wenn die Kinder gehen, um Wasser zu holen, nehmen sie sich gewöhnlich eine Handvoll geröstetes Welschkorn mit auf den Weg. Das tun sie in den Krug und nehmen es heraus, ehe sie letzteren mit Wasser füllen. Sie essen dann das Korn auf dem Heimwege. Das ist ihr Frühstück. Das Korn war sicherlich noch im Kruge, als du das Wasser hinein gossest. Du hast dem Kinde sein Frühstück verdorben. Darüber war die Kleine böse. Kannst du ihr das verargen?“
„Nein, gewiß nicht, wenn sich die Sache so verhält,“ erwiderte Ina. Nach einer Weile setzte sie nachdenklich hinzu: „Ich wollte, es wäre wie du sagst, daß das Kind mich weder haßt noch fürchtet.“
„Es ist so, glaube es nur. Aber vom Nichtfürchten und Nichthassen zum Vertrauen ist noch ein großer Schritt. Du kannst nicht erwarten, daß die Kleine dir bereits vertraut. Du hast ja noch nicht einmal mit ihr geredet.“
„Sie läßt mich ja gar nicht an sich herankommen, daß ich zu ihr reden könnte,“ sagte Ina.
„Das wird sich schon finden,“ meinte Majull, und sie stiegen von ihren Pferden, um in die Hütte der kranken Frau einzutreten.
Am nächsten Morgen saß Ina wie an den vorhergehenden Tagen vor ihrer Hütte. Neben ihr lag ein großes Stück weißes Brot, dick mit Honig bestrichen. Sie wollte das nicht selber essen, sondern versuchen, es der kleinen Elinontis zu geben, um ihr das Frühstück von gestern zu ersetzen, was sie ihr verdorben hatte.
Elinontis kam. Wie gewöhnlich stellte sie ihren Krug hin und schöpfte dann Wasser. Heute aber bemerkte Ina, die ihr genau auf die Finger schaute, daß sie bevor sie den Krug füllte, in denselben hineingriff und die Hand geschlossen wieder herausnahm. Es war also wie Majull gesagte hatte. Elinontis hatte etwas in dem Kruge.
Als Elinontis gleich darauf zu Ina hinüberblickte, hob diese das schöne Stück Brot auf, zeigte es dem Kinde und winkte, es solle kommen und sich es holen.
Elinontis schüttelte sehr energisch mit dem Kopf. Ina ließ sich dadurch nicht abschrecken. Sie wiederholte mit freundlichem Lächeln die Aufforderung. Elinontis schüttelte wieder mit dem schwarzen Strubbelkopf. Ina machte nun mit Geberden und Zeichen dem Kinde klar, wie gut das Brot schmecke.