Elinontis kam. Wie alle Tage setzte sie ihren Krug hin, griff nach dem Eimer und fing an, Wasser aus dem Brunnen heraufzuziehen. Sie tat das alles aber heute viel langsamer als sonst, und beständig flogen die schwarzen Augen zu der Tür des Lehmhauses hinüber, in dem die weiße Frau wohnte. Ina schaute sehr aufmerksam zu. Sie hätte gar zu gern gewußt, ob das Kind wieder nach einem Stück Honigbrot verlangte oder ob sie die Frau vermißte, die sie sonst jeden Morgen vor der Tür angetroffen hatte. Endlich war Elinontis fertig, sie ging aber auch dann noch nicht gleich, sie machte sich noch an ihrem Krug und an dem Riemen zu schaffen und warf noch einen langen fragenden Blick nach dem Hause, ehe sie schließlich ihren Krug aufhob und von dannen ging.
Majull erzählte an diesem Morgen der Feldmatrone, daß seine Ehefrau, seine Klaschimba, gestern abend bei Elinontis Mutter gewesen sei. Die kranke Frau habe ihr erzählt, die Kleine sei gestern morgen mit einem großen Stück Honigbrot heimgekommen, habe ihr die größere Hälfte davon abgegeben und gesagt, die weiße Frau habe das Brot auf den Stein gelegt für sie, und sie sei nicht böse. Da leuchtete es wieder in Inas Augen, und sie stand doch wieder im Schatten. Es mußte etwas anderes sein, was das Leuchten in ihre lieben Augen brachte, als die Sonne. Majull sah nichts davon, Ina hatte sich nämlich schnell umgewandt. So konnte er auch keine Bemerkungen über das Leuchten machen.
Noch eine andere Freude hatte Ina an diesem Tage. Während sie an Elinontis Mutter Bett kniete und die kranke Frau wusch, wie sie das alle Tage tat, tupfte die Frau mit ihrem Zeigefinger auf einen schönen goldenen Ring, den Ina an einem Finger ihrer rechten Hand trug. Freudig überrascht über diese Annäherung, streckte Ina ihr die Hand hin und sagte: „Ein schöner Ring, nicht wahr?“ sagte sie, „den hat mir meine Mutter geschenkt und selbst an den Finger gesteckt, als ich ein Mädchen von sechzehn Jahren war.“
Majull übersetzte der Kranken, was Ina gesagt hatte. Diese nickte und sagte, nachdem sie ihre Pflegerin eine Weile prüfend angesehen hatte: „Du mußt eine gute Mutter gehabt haben. Nicht alle Mütter sind gut. Gute Mütter haben gute Kinder, schlechte Mütter haben schlechte Kinder. Du mußt eine gute Mutter gehabt haben,“ wiederholte sie. Es war das erstemal, daß die Frau sprach, seit Ina angefangen hatte, sie regelmäßig zu besuchen und ihr zu dienen. Was sie sagte gab Ina Gelegenheit, die Sprache auf die kleine Elinontis zu bringen. Sie sagte zu der Frau: „Du bist auch eine Mutter. Du hast ein liebes kleines Mädchen. Du willst auch eine gute Mutter sein, das weiß ich. Da will ich dir etwas sehr Gutes sagen, was eine gute Mutter für ihr Kind tun muß. Ich lese dir immer Geschichten vor, wenn ich hier bin. Diese Geschichten sollst du der kleinen Elinontis erzählen. Ich möchte sie ihr auch gern erzählen, kann aber nicht. Sie läuft vor mir fort, und wenn ich hierher komme, ist sie nicht da. Der Sohn Gottes, von dem ich dir immer vorlese, hat die Kinder sehr lieb und er will, daß alle Kinder ihn kennen lernen. Die Mütter müssen dafür sorgen, daß die Kleinen von dem Sohn Gottes hören. Du bist sehr krank, du könntest eines Tages sterben. Dann ist Elinontis ganz allein; wenn sie aber den Sohn Gottes kennt, dann ist Er immer bei ihr und sorgt, daß ihr kein Unheil zustößt und daß sie einmal in den Himmel kommt, wohin du auch gehst. Ich weiß, der Sohn Gottes bringt dich dorthin, er hat alles für dich gut gemacht.“ So sprach Ina zu der Kranken. Diese hörte aufmerksam zu. Sie sagte aber nichts, doch wandte sie sich an Majull, als Ina mit ihm fortgehen wollte und sagte etwas zu ihm. Als Ina nachher Majull fragte, während sie nebeneinander dahinritten, was die Frau gesagt habe, erwiderte er: „Sie hat gesagt, so etwas Gutes wie das, was du ihr aus dem Buch vorlesest, könne keine Mutter für sich behalten; sie erzähle jeden Tag ihrer Elinontis, was sie von dir gelernt habe.“
Ehe Ina an diesem Tage nach Hause ritt, sprach sie bei dem Kaufmann vor, bei dem die Indianer und die weißen Angestellten der Reservation ihre Waren kauften. Sie kaufte dort eine Orange, und zwar suchte sie die größte und schönste aus, die der Mann in seinem Laden hatte.
Diese Orange lag am nächsten Morgen neben Ina auf der Steintreppe vor ihrem Hause, wohin sie sich wieder mit ihrem Buche gesetzt hatte und las. Ina ließ das Kind erst seinen Krug füllen. Dann zeigte sie ihm die Orange und winkte. Elinontis schaute Ina verwundert an, als wollte sie sagen: Wie kannst du nur so etwas denken, daß ich zu dir kommen sollte! Ina winkte noch einmal. Da schüttelte Elinontis den Kopf, ging aber nicht fort, sondern blieb mit dem Krug auf dem Rücken stehen und schaute bald Ina, bald die Orange in ihrer Hand an.
Ina stand jetzt auf. Da zuckte Elinontis zusammen, es schien fast, als wolle sie davonlaufen, — sie tat es aber doch nicht, sondern zog den Fuß, den sie schon angesetzt hatte, wieder zurück.
„Es ist etwas viel verlangt, wenn das Kind gleich hierher kommen soll,“ dachte Ina, „gehe ich aber zu ihr, so läuft sie mir sicher wieder fort.“ Da kam ihr ein Gedanke. Ina wies auf die Stelle, die ungefähr mitten zwischen ihr und Elinontis war und machte mit Zeichen dem Kinde klar, daß es bis zu dieser Stelle gehen und daß sie, Ina, auch dorthin kommen wolle. Elinontis wollte aber noch nichts davon wissen. Statt aller Antwort wies sie wieder auf den Stein, auf den Ina zwei Tage vorher das Honigbrot gelegt hatte. Sie sollte es wieder so machen wie damals. Das wollte Ina aber nicht. Sie schüttelte sehr bestimmt den Kopf, so daß Elinontis sofort merken konnte, daß daraus nichts werden würde.