Ina wies wieder auf die Stelle halbwegs zwischen sich und Elinontis, winkte und zeigte die Orange. Elinontis streckte die schmutzige kleine Hand aus. Da machte Ina einen Schritt vorwärts und bedeutete Elinontis, daß sie nun das gleiche zu tun habe. Noch zögerte das Kind, da winkte Ina noch einmal und — welche Freude — Elinontis hob den rechten Fuß und machte einen kleinen Schritt vorwärts, wie Ina getan hatte. Nun ging Ina einen Schritt weiter und zeigte Elinontis, daß sie nun an der Reihe sei, wieder einen Schritt zu tun, und wirklich, Elinontis machte einen Schritt. Dieses Mal war letzterer nicht mehr so klein, es war schon ein ordentlicher, richtiger Schritt, wie ihn kleine sechsjährige Mädchen machen. Wieder machte Ina einen Schritt. Diesmal mußte sie noch winken und locken, aber das nächste Mal folgte Elinontis ganz von selbst, und nach ein paar weiteren Schritten von beiden Seiten, da konnte Ina die schöne Orange in die Hand des kleinen Indianermädchens legen.

Aber, sobald das Kind die Orange in seinem Besitz hatte, drehte es sich auch um und lief, so schnell es laufen konnte, davon, so daß das Wasser aus ihrem Krug herausspritzte und es über und über naß wurde. Gerade kam Majull angeritten. Er sah das laufende Kind und reimte sich wohl zusammen, warum es so lief. Er sprang von seinem Pferde und hielt die kleine Elinontis auf.

„Warum läufst du so?“ sagte er, „sie kommt nicht hinter dir her, sie tut dir nichts. Schau dich doch mal um, da steht sie ganz ruhig. Du mußt nicht vor ihr weglaufen. Sie ist eine gute weiße Frau.“

Elinontis schaute sich um. Sie machte ein ganz beschämtes Gesicht. Richtig, da, ganz weit weg von ihr, stand Ina, und sie, Elinontis, hatte gedacht, sie sei hinter ihr her. Sie hatte gemeint, ihre Schritte hinter sich zu hören, zu fühlen, daß sie ihren Kleiderrock gepackt hatte. Wie dumm sie doch gewesen war.

Als Majull die Kleine wieder los ließ, ging sie ruhig und langsam nach Hause zu ihrer Mutter. Die Orange drückte sie letzterer in die abgemagerte Hand, die Mutter sollte sie ganz allein haben. Diese wollte aber nicht, ein Stückchen nahm sie, den Rest aber bekam die kleine Elinontis. Und dann sprach die Mutter mit ihr ganz leise, denn sie konnte nicht sehr laut mehr reden, aber Elinontis hörte es, und auch die Engel im Himmel hörten, was die Mutter ihrem Kinde sagte, und es war etwas, woran sie ihre helle Freude hatten. Es waren Worte, die dazu beitrugen, den Haß, die Furcht, die Feindschaft, die die Mutter in das Herz des Kindes gesät hatte, zu brechen, wie diese in ihrem eigenen Herzen mehr und mehr gebrochen worden waren durch die warme, selbstverleugnende Liebe, die die fremde weiße Frau ihr in ihrem Elend hatte zuteil werden lassen.

Ina legte sich an jenem Abend früh zur Ruhe. Sie war müde, denn sie hatte einen sehr weiten Ritt mit Majull machen müssen. Gegen Mitternacht aber wurde sie geweckt durch lärmenden Gesang und wüste Trommelmusik. Ina setzte sich auf in ihrem Bette und horchte. Das waren wieder Medizinmänner, wie sie solche in der ersten Nacht ihres Aufenthalts auf der Indianerreservation gehört hatte. Es waren Quacksalber und viele andere Leute, die zusammengekommen waren, um mit Singen und Trommeln eine Kranke gesund zu machen. Ina horchte wieder auf. Aus welcher Richtung kam wohl der Lärm? Kein Zweifel, er kam aus der Richtung her, wo die Hütte der kranken Mutter der kleinen Elinontis stand. Die Quacksalber und andere Sänger bemühten sich um die Frau. Nein, so etwas durfte und wollte Ina sich nicht gefallen lassen. Elinontis Mutter stand jetzt unter ihrer Fürsorge und Behandlung. Die Medizinmänner hatten mit ihr nichts zu tun. Sie sollten der Kranken nicht die zu ihrer Genesung so nötige Ruhe durch Singen und Trommeln rauben. Ina war entschlossen, das nicht zu dulden.

Sie stand auf und kleidete sich an. Ein Licht brauchte sie nicht anzuzünden. Es war heller, klarer Mondschein, der es so schön hell in dem kleinen Zimmer machte.

Es war nur eine kleine halbe Meile Weges zu der Hütte. Ina ging zu Fuß, sie sattelte nicht erst ihr Pferd, obwohl sie gelernt hatte, es im Notfall selber zu tun. In der Regel kam ja Majull und besorgte alle Arbeit mit dem Pferde. Also Ina ging zu Fuß. Sie ging sehr schnell. Es war ihr um jede Minute zu tun, um der Kranken Ruhe zu schaffen. Der Gedanke, daß die Indianer ihr etwas zu Leide tun möchten, kam ihr nicht, obwohl sie wußte, daß sie bei solchen nächtlichen Gesängen auch immer berauschende Getränke zu sich nahmen. Sie trinken dann die ganze Nacht, Männer, Frauen und Kinder, und gegen Morgen sind meistens alle betrunken. Häufig gibt es auch Schlägereien und Streitereien, und zuweilen kommen auch Leute ums Leben. Ina, die wie gesagt, das alles wußte, dachte gar nicht daran, und hatte darum auch keine Furcht. Sie dachte nur wie die kranke Frau unter dem Lärm leiden mußte und wie gern sie doch ruhen und schlafen mochte, und hatte nur den einen Gedanken, der Frau zu helfen und ihr Gutes zu tun. So war keine Furcht in ihrem Herzen. Überdies wußte Ina ja, daß sie auf Gottes Wegen ging, und wer auf Gottes Wegen geht, braucht sich nicht zu fürchten; der hat immer einen allmächtigen Beschützer bei sich und die heiligen Engel zu seinem Dienst. Die Engel sind ja dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst derer, die ererben sollen die Seligkeit. Zu diesen Leuten gehörte Ina auch.

In zehn Minuten war sie an Ort und Stelle. Etwa dreißig Indianer lagen und saßen um die Hütte herum. Ganz dicht beim Eingang standen zwei große Trommeln. Diese hatten die Indianer selber gemacht. Sie bestanden aus alten eisernen Töpfen, die mit gegerbten Hirschfellen überspannt waren. Bei jeder Trommel saßen drei Indianer, ältere Männer, die mit langen dicken Stöcken dreinschlugen. Sie schlugen in schnellem Takt, immer einer nach dem anderen, während sie wie auch die übrigen anwesenden Indianer einen eintönigen lauten Gesang dazu ertönen ließen. Es war ein ohrenbetäubender Lärm.

Ina besann sich nicht lange. Sie ging zu den Trommlern, packte mit jeder Hand einen der Stöcke, hielt sie fest und ließ die Männer nicht weiter trommeln. Als die andern sahen, was vor sich ging, hörten sie auch auf zu trommeln. Und als die Männer aufhörten zu trommeln, hörten auch die Leute auf zu singen. Es wurde mit einem Male ganz still, und alle schauten überrascht und unwillig auf den Störenfried.