Ina ließ nun die Trommelstöcke los und begann so gut sie das konnte, den Leuten mit Zeichen klar zu machen, daß die Frau in der Hütte schlafen müsse und daß der Lärm, den sie machten, ihr schade. Das erstere verstanden sie bald, aber mit dem letzteren wollte es nicht so recht gehen. Ina aber ließ nicht nach in ihren Bemühungen, und schließlich merkten die Leute, daß sie ihnen sagen wollte, daß ihr Singen und Trommeln etwas Schlechtes sei. Da wurden sie böse. Das wollten sie nicht hören. Die meisten von ihnen sprangen auf; etliche näherten sich der Feldmatrone. Sie machten aber nur wenige Schritte, dann blieben sie wieder stehen, es schien, als wagten sie doch nicht recht, etwas zu tun. Ina stand unbeweglich, sie hatte ihren Blick fest und furchtlos auf die Ankömmlinge gerichtet. Freilich in ihrem Innern sah es nicht so aus, wie es nach außen hin den Anschein hatte. Da war doch ein leises Beben und Bangen, was wohl kommen mochte. Aber sie hatte den Kampf aufgenommen und mußte ihn ausfechten und mit Gottes Hilfe den Sieg davontragen.

Als die Leute wieder stillstanden, sagte Ina, mit der Rechten auf die umliegenden Hütten deutend, sie sollten nun alle nach Hause gehen. „Geht nach Hause,“ die Worte konnte sie in der Sprache der Indianer sagen. Sie hatte sich dies einmal von Majull sagen lassen, als etliche Kinder den beiden immer von einer Hütte in die andere folgten und sie nicht verlassen wollten. Damals hatte Majull ihr lehren müssen, wie man „Geht nach Hause“ in der Sprache der Indianer sagt. Diese Worte rief sie den Leuten nun zu. Die Wirkung war aber nicht die von Ina erwartete und erhoffte. Sie gingen nicht. Es entstand ein allgemeines Gemurmel und ein paar der Männer machten wieder ein paar Schritte, auf Ina zu, als wollten sie ihr zu Leibe rücken, um die lästige Friedensstörerin, wofür sie sie hielten, zu verdrängen.

Da stand plötzlich, wie aus dem Erdboden gesprungen, ein kleines Mädchen zwischen Ina und den drohenden Indianern. Ihre beiden kleinen Fäuste hatte sie geballt und redete laut und scheltend auf die Männer ein. Dabei wies sie bald auf Ina, bald auf die Hütte, wo die kranke Frau, ihre Mutter, lag — denn das kleine Mädchen war niemand anders als Elinontis.

Während sie sprach, blickten die Männer das Kind erst fragend an, dann begannen sie mit den Köpfen zu nicken, als wollten sie ihre Zustimmung zu dem Gesagten ausdrücken und schließlich wandte sich erst einer, dann ein zweiter, ein dritter und bald gingen alle langsam davon.

Ina stand allein in der mondhellen Nacht. Auch Elinontis war fort. Wie sie gekommen war, so war sie verschwunden. Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust des Mädchens, es war ein Dankesseufzer, der aufstieg zu Dem, der die Seinen nie verläßt und auch jetzt in der Stunde drohender Gefahr ihr einen Engel in Gestalt dieses kleinen braunen Mädchens gesandt hatte.

Jetzt räusperte sich jemand hinter Ina. Erschrocken blickte sie sich um. Da stand ein junger Indianer, den sie schon etliche Male gesehen, wenn auch noch nicht gesprochen hatte.

„Du kannst nun wieder nach Hause gehen,“ sagte er, „die Leute sind alle in ihre Hütten gegangen und werden sich schlafen legen. Sie werden nicht wieder kommen, und die kranke Frau kann schlafen. Ich will dich nach Hause begleiten, denn ich glaube, du fürchtest dich, allein zu gehen.“

„Ich fürchte mich nicht,“ sagte Ina, „wenn ich mich fürchtete, wäre ich nicht allein hierher gekommen. Aber, wenn du mit mir gehen willst, danke ich dir. Komm.“

Und der junge Mann ging mit Ina.