Kodaggo erwiderte nichts; er lüftete nur seinen Hut und ging eilig dahin zurück, woher er gekommen war.
Ina trat in ihr Haus, entkleidete sich und legte sich wieder zur Ruhe. Sie konnte aber nicht einschlafen. Teils war sie noch zu erregt von ihrem nächtlichen Erlebnis, teils war es so drückend heiß in dem kleinen Zimmer, daß sie meinte, kaum atmen zu können. Sie stand auf und öffnete die Haustür, auf daß mehr Luft ins Haus dringe. Ina dachte, sie werde so bald nicht einschlafen und wollte die Tür wieder schließen, sobald sie spüren würde, daß Müdigkeit sich einstellte. Letzteres geschah aber, ohne daß Ina es merkte, und sie schlief ein, ohne dazu gekommen zu sein, die Haustür wieder zu schließen.
Als Elinontis am nächsten Morgen kam, um ihr Wasser zu holen, fand sie ihre Freundin nicht an dem gewohnten Platze, sie bemerkte aber die weit geöffnete Haustür. Das fiel der Kleinen auf. Ina hielt die Tür immer geschlossen den Tag über, damit ihr die lästigen Fliegen, von denen es in Arizona so viele gibt, nicht in das Haus kämen. Erst am späten Abend, nachdem die Fliegen sich ihre Schlafplätze gesucht, pflegte sie die Haustür zu öffnen. Elinontis kam aber nur am frühen Morgen und in der Nachmittagsstunde, so daß sie nie die Tür geöffnet gesehen hatte.
Die Kleine stand am Brunnen und überlegte. Wo mochte wohl Ina sein? Warum stand die Tür so weit geöffnet? Sie kam zu dem Schluß, daß Ina nicht im Hause sei und auch nicht in der Nähe, denn sonst müßte sie sie doch sehen können. Das Kind reckte seinen Hals und schaute umher. Ina war nirgendwo zu erblicken. Sie kletterte behende auf den Rand des Brunnens, um weiter sehen zu können. Nein, die weiße Frau war nirgendwo in weitem Umkreise. Glücklich wie einer, der eine erfreuliche Entdeckung gemacht, sprang Elinontis wieder von dem Brunnenrande auf die Erde.
Sie stand noch eine Weile und überlegte. Ob sie es wohl wagen konnte? Sie hätte gar zu gern einmal aus nächster Nähe in das Haus hineingeblickt, um sich Rechenschaft zu geben, wie es darinnen aussehe und was die weiße Frau alles darin habe.
Ein schelmisches, verschmitztes Lächeln stahl sich über die sonst so ernsten Züge des Kindes. Sie ließ ihren Krug am Brunnen stehen. Sie schien ganz und gar zu vergessen, daß die Schritte, die die kleinen, bloßen Füße in dem weichen Sande machten, kein Geräusch verursachten. Auf den Zehenspitzen, die anmutig gekrümmten Ärmchen bei jedem Schritt hebend, schlich sie vorsichtig an das Haus der weißen Frau heran. Zuweilen blieb sie stehen, lauschte und schaute umher. Nein, es war niemand zu hören oder zu sehen. Jetzt war sie an der Ecke des Hauses angelangt. Noch ein paar Schritte, und das Kind stand an der breiten hohen Steinstufe, der einzigen, die vor der Tür war, und auf der Ina sonst immer am Morgen saß.
Elinontis stützte sich mit den Armen auf die Stufe, bog sich weit über und blickte in das Haus hinein. Es war das erstemal, daß das Kind der Wüste, die Bewohnerin der elenden Sträucherhütte, in das Haus eines zivilisierten weißen Menschen schaute. Starr blickten die großen leuchtenden Augen. O, was sie da alles zu sehen hatten, das schönste von allem aber war doch das große, weiße Bett, in dem Ina lag. Sie schlief, Elinontis sah dies sofort. Nun brauchte sie ja gar keine Angst und Unruhe zu haben. Sie konnte sich ganz ruhig all die schönen Sachen, die in dem Hause waren, ansehen. Einige der Indianerkinder, die in Inas Nähe wohnten, gingen in die Schule. Die brachten zuweilen Bücher und Bilder mit heim. Elinontis hatte auf diesen Bildern gerade solche Dinge gesehen, wie Ina sie hier in ihrem Hause hatte, Stühle, Tische, Schränke, einen großen Spiegel usw., aber in Wirklichkeit sah das Kind dieselben heute zum ersten Male. Kein Wunder, daß Elinontis ganz stumm und starr war. Aber plötzlich lachte sie leise vor sich hin und hielt sich den kleinen Mund zu, damit ja kein Laut über ihre Lippen käme, der die Schläferin wecken könnte. Elinontis erblickte auf einem der Tische ein Glas, und in dem Glase stand ein großer Strauß gelber Blumen. Wie komisch das doch war! Die Blumen, die die Kühe fressen, hatte die weiße Frau sich in ihr schönes Haus geholt und auf den Tisch gestellt. Was sie wohl damit wollte? Sie konnte sie doch nicht essen, sie war doch keine Kuh. Wieder mußte sie lachen und die zweite Hand zu Hilfe nehmen, um den Mund fest zuhalten zu können.
Das Kind konnte sich garnicht satt sehen, aber immer wanderten ihre Blicke zu dem Bett und der Schläferin zurück. Das schönste in dem ganzen Hause war doch die große weiße Decke, mit der Ina sich zugedeckt hatte. Wie mochte die so warm und weich sein! In dem Herzen der kleinen Elinontis regte sich der Wunsch, sie möchte einmal die schöne Decke anfassen, ein bißchen drücken und streicheln. Wie waren die Decken, die in ihrer Hütte auf der Erde lagen, unter denen sie schlief, so hart, so schmutzig, so zerrissen! O, wie ganz anders erschien die Decke, die die weiße Frau hatte!!
Der Wunsch, das Ding einmal ganz aus der Nähe zu sehen und anzufassen, war so stark in dem Herzen des Kindes, daß es alle Furcht und Scheu verlor und schon den Gedanken gefaßt hatte, in das Haus und an das Bett heranzuschleichen, als die Schläferin plötzlich eine Bewegung mit dem einen Arme machte. Hei, wie Elinontis davonflog! Hätte Ina in demselben Moment die Augen aufgeschlagen, sie hätte doch nichts mehr von der Besucherin zu sehen bekommen, die sie vor ihrer Haustür gehabt hatte. Ina wachte aber noch nicht auf. Sie schlief ruhig weiter, während Elinontis, so schnell sie konnte, ihren Krug mit Wasser füllte und damit nach Hause eilte. Sie warf noch einen Blick nach der geöffneten Tür. Ina kam nicht heraus. Wie froh war das Kind!
Majull war sehr aufgebracht, als er kam. Ina war noch beim Kaffeetrinken. Er kam zu ihr in die Küche und schalt sie gehörig aus. Die Indianer hatten ihm erzählt, daß Ina mitten in der Nacht bei den Hütten gewesen sei, und was sich da alles zugetragen habe.