„Weißt du nicht, daß es gefährlich ist, mit einem betrunkenen Indianer zusammen zu kommen?“ fragte er. „Ein solcher ist nicht wie ein betrunkener weißer Mann. Wenn ein weißer Mann betrunken ist, dann beträgt er sich wie ein Narr. Ist ein Indianer betrunken, so ist er wie ein wildes Tier. Er beißt, schlägt, sticht, schießt, und ist gefährlich für jeden, der ihm in den Weg kommt. Darum verbietet auch die Regierung, den Indianern berauschende Getränke zu verkaufen. Wenn einer unserer Leute betrunken ist, gehen wir ihm aus dem Wege, bis er wieder nüchtern geworden ist — du aber gehst ohne Schutz mitten in der Nacht zu einer Schar betrunkener Indianer. Es hätte dein Tod sein können.“

„Sie waren garnicht betrunken, wenigstens noch nicht, als ich hinkam,“ verteidigte Ina sich.

„Das konntest du nicht wissen, sie hätten es gerade so gut schon sein können. Es sind fast immer etliche betrunken, wenn sie die Nacht hindurch singen. Sie wissen sich das verbotene Getränk zu verschaffen, trotz aller Wachsamkeit der Polizei. Und wenn sie nichts kaufen können, verstehen sie es, sich selber etwas zu bereiten. Du darfst das nie wieder tun,“ sagte Majull und drohte mit dem Finger.

Ina lachte. „Du weißt ja, ich fürchte mich nicht,“ sagte sie.

„Du sollst dich auch nicht vor den Indianern fürchten,“ entgegnete Majull, „solange sie nüchtern sind, aber wenn sie betrunken sind, mußt du es wohl. Wenn du es nicht tust, wirst du eines Tages dafür zu leiden haben. Und ich will nicht, daß dir etwas zuleide getan wird.“

„Du magst recht haben,“ sagte Ina und reichte dem Indianer die Hand.

In den nächsten Tagen kamen Ina und Elinontis einander nicht viel näher. Sie hatte noch kein Lächeln, kein Nicken, keinen Händegruß von dem Kinde bekommen, so reichlich sie auch dem Kind davon hatte zuteil werden lassen. Hatte Ina etwas für die Kleine, einen Apfel, ein Stück Brot, einen Kuchen oder sonst etwas Außergewöhnliches, so blieb es bei der einmal begonnenen Art der Verabreichung. Die beiden begegneten sich auf halbem Wege.

Es wäre vielleicht besser gewesen und Elinontis wäre schon zutraulicher geworden, wenn das Kind nicht ein schlechtes Gewissen gehabt hätte. Sie dachte immer daran, wie sie an jenem Morgen in das offene Haus geschaut hatte und hineingehen wollte, um die Decke anzufassen. Es kam ihr vor, als habe sie etwas Unrechtes tun wollen. Dazu war sie nicht sicher, ob Ina sie nicht vielleicht gar möchte gesehen haben. Sie mußte jeden Morgen wieder daran denken, wenn sie die weiße Frau sah. Da kam ihr bei dem Zartgefühl, das in ihrem Kinderherzen wohnte, der Gedanke, sie wolle versuchen, wieder gut zu machen, was sie getan hatte. Sie wollte der weißen Frau etwas geben. Damit wäre wieder ausgeglichen, was sie ihr an jenem Morgen mit den Augen weggeguckt hatte. Das Kind machte sich dies nicht so klar, wie es hier geschrieben steht, aber es fühlte so, und aus diesem Gefühl heraus kam ihm die Frage, was sie Ina wohl geben könne.

Aber was hatte Elinontis? Was konnte sie geben? Sie dachte diesen Morgen wieder daran, als sie gerade ihr Frühstück, das geröstete Welschkorn, aus dem Kruge herausholte. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Ohne sich lange zu besinnen, lief sie zu Ina hin, die auf der Steintreppe saß und las und warf der aufs höchste Überraschten alle braunen Welschkornkörner, die sie in ihrer kleinen schmutzigen Hand hatte, in den Schoß. Ehe Ina ein Wort sagen konnte, war die Kleine schon wieder auf und davon, füllte ihren Krug und eilte nach Hause.