Eine ganze Weile saß Ina stumm und schaute auf die Körner in ihrem Schoß. Dann fing sie an, sie ganz behutsam, als wären es wertvolle Goldkörner, zu sammeln. Dabei flüsterte sie: „Mein erstes Geschenk aus Indianerhand und dazu noch aus der Hand dieses Kindes,“ und während sie diese Worte sprach, fielen Tränen, dicke, helle Tränen auf die kleinen Körner. Siehe, da warf die aufgehende Sonne ihre ersten Strahlen in diese Tränen, und die Tränen leuchteten wie Gold, aber nicht wie irdisches sondern wie himmlisches Gold.
So vorsichtig, als trüge sie einen Schatz, einen großen Schatz — und es war auch einer — trug Ina die Welschkornkörner in ihr Haus. Sie legte sie nicht aus der Hand, sondern ging an ihre Kommode, zog eine Schublade aus derselben heraus und fing an darin zu kramen. Nach einigem Suchen schien sie gefunden zu haben, was sie wollte. Sie brachte eine kleine mit rotem Leder überzogene Schachtel zum Vorschein. Mit dieser setzte sie sich an ihren Tisch. Sie öffnete dieselbe und ein prächtiges, goldenes mit Perlen besetztes Armband lag darin. Ina nahm das Armband heraus und warf es, als sei es etwas ganz Wertloses, auf den Tisch. Dann öffnete sie die Hand, in der sie das Geschenk der kleinen Elinontis hatte, und nahm behutsam die Körner, eins nach dem andern aus der Hand und bettete sie in den weichen feinen Sammet, mit dem das Kästchen, das vor ihr stand, gefüttert war. Wie war doch Ina so glücklich und froh bei dieser Beschäftigung! Wieder kamen die dummen Tränen. Ach, hätte sie nur jemanden gehabt, zu dem sie sich hätte aussprechen, der ihre Freude hätte teilen können, aber da war niemand! Dem guten Majull konnte sie doch nichts von dem Welschkorn erzählen, der hätte kein Verständnis für die Freude der weißen Frau gehabt, er hätte jedenfalls nur ein Lachen für sie.
Ina war so ganz in Gedanken versunken gewesen, daß sie garnicht gehört hatte, daß Majull vor ihrer Tür angehalten und vom Pferde gestiegen war. Jetzt klopfte er. Ina fuhr zusammen. Schnell schloß sie die Schachtel und barg dieselbe in der Kommodenschublade. Hierauf öffnete sie die Tür und Majull trat ein. Er hatte kaum ein paar Worte geredet, da fielen seine Indianeraugen, denen nie etwas entging, auf das Armband, das auf dem Tische lag. In Indianersprache kam ein Ausruf der Bewunderung und des Erstaunens über seine Lippen. Er trat näher an den Tisch heran und betrachtete das Armband ganz genau.
„Das ist etwas sehr Schönes,“ sagte er, „woher hast du das bekommen? Wer hat es dir geschenkt?“
„Das hat mir niemand geschenkt,“ sagte Ina, „ich habe es mir vor vielen Jahren einmal gekauft, als ich noch in Neuyork lebte und noch ein junges Mädchen war.“
„Darf ich das Armband einmal anfassen?“ fragte Majull.
„Gewiß darfst du das,“ sagte Ina, „du darfst es sogar behalten und deiner Klaschimba mitnehmen; ich schenke es ihr,“ setzte Ina hinzu, glücklich, einen Weg gefunden zu haben, wie sie in ihrer Freude jemand anders eine Freude bereiten konnte.
„O, du willst dies gute, goldene Armband meiner Klaschimba schenken? Was fällt dir denn ein? Dir muß etwas sehr Freudiges begegnet sein.“
„Das ist es auch, Majull,“ sagte Ina.