„Es wird sich finden,“ sagte die Mutter.
„Es wird sich finden,“ wiederholte Elinontis, sie wußte aber nicht, was diese Worte für eine Bedeutung hatten.
„Erzähle mir, was du im Hause der weißen Frau siehst, wenn du am Morgen hineingehst,“ sagte die Mutter. Das Kind erzählte ihr das alle Tage. Die Mutter wußte aber, wie gern es davon erzählte, darum ward sie nicht müde, ihm immer aufs neue zuzuhören. Dazu kam auch, daß Elinontis alle Tage neue Entdeckungen und Beobachtungen in dem Hause Inas machte.
„Sage mir, was sie alles in ihrem Hause hat,“ sagte die Mutter.
Und Elinontis hub an. Sie zeigte der Mutter ihre fünf Finger der rechten Hand und sagte: „So viele Dinge hat sie, die sie Stuhl nennt. Kodaggo hat mir gesagt, daß ein solches Ding Stuhl heißt. Wir haben kein Wort dafür, weil wir solche Dinge nicht haben. Es sieht aus wie eine Spinne, hat aber nur vier Beine, vier lange Beine. Auf diesen Dingern sitzt Ina. Heute sitzt sie auf dem einen, morgen auf einem andern. Sie müssen wohl müde oder schwach werden, wenn sie immer auf ein und demselben sitzen würde. Mitten im Hause steht so ein Ding mit vier sehr langen Beinen. Darauf liegt eine Decke. Ich weiß nicht, ob das Ding friert. Ich glaube aber nicht, denn es ist tot und ist von Holz gemacht. Auf der Decke liegen Bücher und andere Sachen, die ich nicht kenne. In dem andern Zimmer hat sie einen großen schwarzen Kasten. Darin steckt sie Holz und zündet es an. Der Kasten selbst aber brennt nicht. Auf demselben stehen viele Töpfe. Darin kocht sie Fleisch und anderes. Sie hat auch eine Kaffeekanne. Die wäscht sie jeden Morgen und sie sieht so blank aus wie das silberne Armband an deinem Arm.“ So erzählte das Kind und wurde nicht müde, von all den Herrlichkeiten zu berichten, die Ina in ihrem Besitz hatte, am meisten aber sprach sie von dem Bett und der schönen weichen Decke. Wenn sie dann fertig war, schloß sie immer mit den Worten: „So ein Haus will ich auch einmal haben, wenn ich groß bin, und lauter solche Sachen und so ein schönes Bett mit einer weichen warmen Decke.“ Dann lächelte die Mutter, als wollte sie sagen, sie wisse besser, wie das kommen werde, aber sagte nichts dagegen.
Plötzlich sprang das Kind auf, klatschte in die Hände und jubelte laut: „Fertig, fertig!“ Die Mutter hatte die letzte Perle an das Halsband gereiht. Elinontis konnte die fertige Arbeit noch diesen Abend der weißen Frau übergeben.
Mutter und Kind betrachteten das Halsband noch einmal aufmerksam von allen Seiten, dann steckte Elinontis es in ihre Tasche und verließ die Hütte. Sie ging an den Abhang des Hügels, an dessen Fuß die Landstraße sich entlang zog, auf der Ina heimgeritten kommen mußte. Während sie dahinging, hob sie hier und dort einen Stein auf, den ihr suchend und prüfend Auge gewählt hatte. Als sie am Rande des Hügelabhanges ankam, setzte sie sich und begann mit den Steinen zu spielen. Sie warf sie in die Höhe und fing sie wieder auf, gerade wie weiße kleine Mädchen es machen. Nur war Elinontis weit geschickter als jene. Es kam fast nie vor, daß sie einen der in die Höhe geworfenen Steine nicht auffing. Passierte es aber doch einmal, so murmelte sie Scheltworte über ihre Ungeschicklichkeit vor sich hin. Dabei warf sie gelegentlich einen Blick zur Sonne hinauf. Die Sonne war ihre Uhr. Mit der Zeit wurden diese Blicke häufiger, schließlich stellte sie das Spiel mit den Steinen ganz ein und ihr Auge wandte sich dem Platze auf der Landstraße zu, wo sie wußte, daß sie die heimkehrende Ina und ihr Pferd zuerst würde sehen können. Dann war es Zeit, zu der Landstraße hinabzusteigen, um der Vorüberreitenden das Halsband einzuhändigen.
Jetzt wirbelte Staub auf. Elinontis springt in die Höhe, um genau sehen zu können. Ja, es ist Inas Pferd, das sie da in der Staubwolke sieht. Was hat das aber zu bedeuten? Sie kann ja gar keine Reiterin auf dem Pferde sehen. Und wie wild kommt das Pferd dahergejagt! Doch! Jetzt sieht sie! Ina sitzt auf dem Pferde! Aber die Zügel sind ihren Händen entglitten. Sie liegt mehr auf dem Rücken des Tieres, denn daß sie darauf sitzt. Sie hat sich an den Sattelknopf angeklammert. Sie hat keinen Hut auf dem Kopf. Wild fliegt das aufgelöste Haar im Winde. Ohne Zweifel hat das Pferd gescheut und ist mit seiner Reiterin durchgegangen. Einen Moment legt sich ein lähmender Schrecken auf das Kind, aber nur einen Moment. Das Kind der Wüste und Berge, dem kein Pferd zu wild ist, daß es sich nicht auf dessen Rücken setzen und es reiten könnte, schüttelt schnell den Schrecken ab. Springend und laufend eilt Elinontis, so schnell eben nur ein Indianerkind das kann, zwischen dem Steingeröll und Dorngestrüpp den Hügelabhang hinab. Noch eher als das wild jagende Pferd ist Elinontis zur Stelle. Mit weit geöffneten Augen, ausgestreckten Armen, ausgespreizten, gekrümmten Fingern, vornüber gebeugt, schier wie ein Raubtier, das auf seine Beute lauert, steht sie da an der Hügelwand, etwa zwei Fuß über der Landstraße. Näher und näher kommt das wild dahinjagende Tier. Jetzt ist der rechte Augenblick gekommen. Lautlos, wie eine Wildkatze, wie ein junger Löwe, springt das Kind dem Pferde an den Hals und reißt seine Arme fest um des Tieres Schlund und Gurgel. Das Pferd schrickt zusammen. Es macht nur noch ein paar tanzende Schritte, dann steht es still. Elinontis läßt mit dem Druck ihrer Arme etwas nach, legt den Kopf an des Tieres Maul und bläst ihm in die Nüstern, leise und sanft. Das beruhigt das Tier. Bald läßt Elinontis den einen Arm ganz los und hängt nur noch mit dem andern an des Pferdes Hals. Sie klopft letzteren und schließlich läßt sie ihn ganz los und gleitet hinab. Das Tier stand vollkommen beruhigt. Jetzt kann Elinontis sich nach Ina umsehen.
In dem Augenblick, da Elinontis ihren Kopf wandte, um sich nach der weißen Frau umzusehen, sank diese vom Pferde. Das Kind sprang hinzu und wollte die Freundin auffangen, aber es war bereits zu spät. Ina fiel bewußtlos auf den Erdboden. Elinontis löste schnell den rechten Fuß, der noch im Steigbügel steckte. O, was wäre geworden, wenn das Pferd im Laufe geblieben wäre! Es hätte Ina zu Tode geschleift. Jetzt beugte das Kind sich über die bewußtlose Frau. Das Naturkind stand nicht ratlos. Es liegt ihm im Gefühl, was in derartigen Fällen zu tun ist. Elinontis rieb Ina die Schläfen, bewegte ihre Arme, blies ihr in die Nase, wie sie es zuvor bei dem Pferde getan hatte. Und dann fing sie an, zu ihr zu sprechen, sie sprach ihr ins Ohr und rüttelte sie. Und wieder sprach sie. O, Ina mußte doch hören, was das Kind sagte, und wäre sie schon halb tot gewesen, sie hätte es hören müssen und hätte es gehört. Langsam, leise kam das Bewußtsein zurück. Gerade, als Ina die Augen aufschlug, gerade, als die Sinne zurückkehrten, gerade, als ihr Ohr wieder fähig wurde, den ersten Laut aufzunehmen, sagte die kleine Elinontis noch einmal, was sie schon etliche Male gesagt, ohne daß Ina es gehört hatte. Aber jetzt hörte Ina es ganz deutlich, und es klang ihr wie Engelsang und wie ein Lied aus höherem Chor, dieses einzige Wort, das Ina in der Indianersprache verstehen konnte, das jetzt der liebe kleine Mund sprach, der so lange verschlossen gewesen war. Ina hörte, wie Elinontis ihr ins Ohr rief: „Nilchnscho.“ „Ich habe dich lieb.“
Da war aber das Bewußtsein voll und ganz zurückgekehrt. Ina nahm das Kind in ihre Arme, herzte, drückte und küßte es. Und Elinontis? Wehrte sie sich? Nein, sie wehrte sich nicht, sie ließ es ruhig geschehen, ja schließlich schlang sie sogar ihre kleinen Arme um Inas Hals und wiederholte noch einmal: „Nilchnscho, ich habe dich lieb.“