Ina brauchte nicht lange zu warten. Sie hatte noch keine Seite in ihrem Buch gelesen, da sah sie die Kleine kommen. Ina tat, als sähe sie das Kind nicht. Sie las ruhig weiter, beobachtete aber, über den Rand des Buches hinüberblickend, das Indianerkind.
Elinontis ließ die weiße Frau keinen Augenblick aus dem Auge. Sie näherte sich langsam und in einem großen Bogen dem Brunnen. So schnell sie konnte, schöpfte sie Wasser, füllte ihren Krug, hängte sich denselben über den Kopf und eilte, nachdem sie noch einen scheuen Blick auf die eifrige Leserin geworfen, davon.
Das wiederholte sich eine Zeitlang jeden Morgen. Dann aber dachte Ina, sie wolle es nun doch einmal versuchen, sich der Kleinen zu nähern. Sie meinte, dieselbe müsse sich nun doch allmählich an sie gewöhnt haben und könne sich nicht mehr fürchten, daß sie, Ina, ihr etwas zuleide tun werde. Elinontis hatte ihren Krug auf den Boden gestellt und griff gerade nach dem Eimer, als Ina sich langsam erhob und dem Brunnen zuwendete. Da aber stieß das Kind einen leisen Schrei aus und sprang davon, garnicht daran denkend, ihren Krug zu füllen oder denselben doch wenigstens wieder mit sich zu nehmen.
Ina sagte nichts, sie rief dem Kinde auch nichts zu, ging aber zum Brunnen. Sie hatte einen Plan, den sie ausführen wollte. Elinontis lief nicht nach Hause, sondern sie lief nur eine Strecke weit fort, dann blieb sie stehen, um zu sehen, wohin Ina ging und was sie vorhatte.
Wie gesagt, Ina ging zum Brunnen. Dort angelangt, nahm sie den Eimer, ließ ihn in den Brunnen hinab und füllte den Krug der kleinen Elinontis mit Wasser. Dann ging sie wieder an ihren Platz vor dem Hause zurück. Zuvor aber winkte sie dem Kinde zu kommen und seinen Krug zu holen.
Elinontis rührte sich nicht vom Fleck. Sie schaute nur starr auf die Frau. Wohl zehn Minuten mochten vergangen sein. Elinontis kam nicht, ihren Krug zu holen. Ina ging in ihr Haus zurück, beobachtete aber das Kind durch das Fenster.
Da sah sie nun, wie Elinontis langsam, immer hin und wieder stillstehend und nach der Haustür schauend, herankam. Jetzt war sie am Brunnen angelangt.
Elinontis bückte sich über ihren Krug und schaute in denselben hinein. Eine kleine Weile stand sie still, als ob sie überlege. Dann blickte sie auf, ballte und schüttelte ihre kleine Faust nach dem Hause zu, gab dem Krug einen Stoß mit dem Fuß, so daß er umfiel und alles Wasser, das Ina eingeschöpft hatte, auf den Erdboden floß. Eilig schöpfte das Kind neues Wasser und ging dann mit dem Kruge davon.
Ina stand sprachlos. Was war das für ein Gebahren von einem sechsjährigen Kinde? War es Furcht, die Weiße möchte ihr das Wasser vergiftet haben, oder war es ein solcher Haß, daß sie keinen Liebesdienst von ihr annehmen wollte? Wahrscheinlich beides. Ina wollte Majull den Vorgang erzählen und ihn fragen, was er denn wolle.