Dann gingen wir nebeneinander den Weg hinunter. Im Dorfe sah ich viele Menschen im Feiertagsgewand, die ebenfalls zum Gotteshause wanderten, und Kinder, die mit einander spielten. Wenn ich an ihnen vorüberging, unterbrachen sie ihr Spiel und schauten das fremde Gesicht verwundert an. Ihr Zusammensein schien ihnen viel Freude zu machen, aber ich beneidete sie nicht. Droben in meiner stillen Einsamkeit, im luftigen Erker, tief unter mir die Welt und über meinem Haupte das hohe, geheimnisvolle Himmelszelt, dazu das große Schweigen der lebendigen Natur, – dort war es doch viel schöner!

Der Vater hatte mich das Lesen gelehrt, und ich nahm zuweilen ein Buch mit hinauf auf den Turm, da das Zimmer mir zu eng wurde. Aber bald entsank es meiner Hand. Die schwarzen, eckigen Buchstaben erschienen mir steif und tot. Deshalb wollte auch das Lesen an der Stelle, wo Alles Leben ausatmete, nicht recht gehen. Das was die Bücher von den Menschen sagten, erzählte mir der Vater weit besser, und schwach geradezu erschien mir, was ich von Gottes Wunderwerken las. Wie armselig waren die Worte in ihnen, obwohl der Vater mir gesagt hatte, daß sie ein sehr gelehrter Herr niedergeschrieben habe. Das kleine Grashälmchen, das vor mir in der Mauerritze wuchs, die vorbeiziehenden Vögel, die bunten Felder, der glitzernde Bach, die dunkeln Wälder und über mir die Wolken, die majestätisch ihre Bahnen dahinzogen, sie alle führten eine lebendigere Sprache und verkündeten mir mit nicht zu übertreffenden Worten das geheimnisvolle Walten des Höchsten.

Aber man muß diese Sprache auch verstehen!

Ein jäher Schlag sollte meinen Freuden ein rasches Ende bereiten. Ich war sechzehn Jahre alt.

Mein Vater wurde krank und starb nach wenigen Tagen. Mich nahm man ins Schloß, wo ich der alten Beschließerin zur Hand gehen mußte. Aber das Arbeiten machte mir Freude. Es ließ mir freilich nicht mehr so viel Zeit zum Träumen, half mir aber den schmerzlichen Verlust des innig geliebten Vaters leichter ertragen.

Der Herr des Schlosses war zu jener Zeit der greise Herr Leopold von Tiefenbach.

Er hatte in Polen zur Seite König Augusts des Starken wiederholt gekämpft und war von ihm zum Lohne für seine Tapferkeit in den Freiherrnstand erhoben worden, mit der Bestimmung, daß dieser Titel sich auf den ältesten Sohn in der Familie vererben solle.

Die edle Gattin des Schloßherrn, die schon lange gestorben war, hatte ihm drei Söhne hinterlassen. Dem ältesten, Udo, wurde einmal das Schloß. Damit aber auch seine Brüder Oskar und Egbert einen eigenen Besitz haben sollten, ließ der Vater unten im Dorfe ein Anwesen errichten, für das er von den Bauern die besten Felder kaufte, und das von der Zahlung der Abgaben an das Schloß befreit wurde. Schöne steinerne Gebäude wurden aufgeführt, und mit allem wurde das Gut reichlich versehen. Dann übergab er es einem alten Bauern aus dem Dorfe zum Verwalten. Erst nach des Vaters Tode sollten die beiden Brüder den Freihof beziehen.

Der Erbe des Majorats hatte sich mittlerweile die junge Gräfin von Eckartsberg zur Gattin erkoren. Sie war eine blendend schöne Frau, aber so stolz! Hu, es schauerte einem, in ihrer Nähe zu weilen, ein solcher Eishauch ging von ihr aus. Sie hatte für uns Leute keinen Blick. Der Freiherr sah stillschweigend auf die Schwiegertochter, als wenn er im Innern die Wahl seines Sohnes nicht recht billigen könne. Aber Herr Udo war von ihrer Schönheit ganz geblendet und gab sich ihrem Einflusse willig hin. Schon immer war er ja selbst unfreundlich mit den Schloßbediensteten gewesen, jetzt achtete er unser gar nicht mehr.

Sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Oskar bildete den schroffsten Gegensatz zu ihm. Schon äußerlich ähnelten die Brüder sich nicht. Während Udo klein und zierlich war, war Oskar von hohem Wuchs und hatte einen kraftvollen Körper. Er war unser aller Liebling und stets auf unser Wohl bedacht. Aber zuweilen konnte er doch sehr zornig werden! Vor allem duldete er nie den leisesten Widerspruch.