Während der Vater um neun Uhr das letzte Abendläuten besorgt und dann den letzten Rundgang gemacht hatte, saß ich schon, ungeduldig seiner harrend, in der großen Stube. Kein Laut war zu vernehmen, nur die Wanduhr, deren Gehäuse bis zur Decke reichte, tickte einförmig, und im Kamin knackten und knisterten die schweren Buchenscheite.
Ich spitzte die Ohren. Draußen ging der Vater, schon hörte ich seine Tritte. Er prüfte noch einmal den Torriegel und die Verankerung der Zugbrücke, die er schon mit dem Anbrechen der Dunkelheit in die Höhe gewunden hatte. Bevor er sich aber zur Ruhe begeben durfte, hatte er von der Mauer nach dem Dorfe hinab drei Mal ins Horn zu stoßen. Es war dies das Zeichen für die drunten, daß Licht und Feuer gelöscht werden mußten.
Und dann kam er! Dicht neben dem Tor war unsere Wohnung, die der Vater selbst besorgte. Die Speisen erhielten wir aus dem Schlosse.
Ich war ein rechter Wildfang, immer zu tollen Streichen aufgelegt, furchtlos und ohne Ruhe. Aber wenn es Abend wurde, und der Vater sich zum Erzählen anschickte, dann konnte ich stundenlang sitzen ohne mich zu rühren, und meine Augen hingen an den Lippen meines Vaters. Und wie konnte er erzählen! Alle Sagen, die sich mit der Geschichte des Schlosses verwoben, und die ihm sein Vater berichtet, bekam ich zu hören. Die Begebnisse von Jahrhunderten entrollten sich vor mir, und ich lernte zuletzt alle verstorbenen Tiefenbachs so gut kennen, daß sie mir vertrauter waren, als die Leute im Dorfe. Die Leiber der edeln Herren und Frauen ruhten drunten in dem in den Felsen eingehauenen, hohen Saal. Dort stand die lange Reihe großer und kleiner metallner Särge, über die hinweg es manchmal in wilder Jagd ging, wenn ich mit den beiden Burgkatzen dort spielte. Aber die Seelen der Verstorbenen hatten mich lieb. Mit Hilfe meiner Einbildung waren sie mir treue Spielgefährten, saßen mit mir am Tische, sprachen zu mir und hörten auf meine Worte. Und selbst des Nachts in meinen Träumen erschienen sie mir noch.
Das war der Winter.
Im Sommer saß ich meist droben in einem der Türme und blickte sinnend hinauf zu dem blauen Himmel, oder hinunter auf die bunten Felder und blumigen Wiesen. Dann schaute ich um mich, soweit mein Auge reichte, und ich dachte, wie schön und wie groß ist doch die Welt! Die flinken Schwalben, die den Turm unaufhörlich umkreisten, und deren leichtbeschwingtem Fluge ich so gern zuschaute, kamen zu mir. Zutraulich setzten sie sich zu meinen Füßen nieder und pickten die Krümchen auf, die von meinem Brote auf den Sims herabfielen. Und wenn ich sie fragte: wie hoch ist der Himmel? Da schauten sie mich mit ihren blanken Augen erstaunt an, zwitscherten so laut, daß es mir schien, als belustige sie mein Fragen, zogen von neuem ihre anmutigen Kreise, stiegen höher und immer höher und verschwanden endlich in den lichtblauen Wellen.«
Ein Hustenanfall hieß die Greisin ihre Worte unterbrechen. Ehe sie aber in der Erzählung fortfuhr, sagte sie:
»Zürnen Sie mir nicht, Herr, wenn ich auch von mir selbst berichte, aber es würde mir nicht gelingen, vom Schlosse zu sprechen, ohne meine eigenen Erlebnisse dabei zu berühren.«
Der Fremde machte eine Handbewegung, die andeutete, daß ihn die Erzählung gut unterhalte, und Mutter Lehnhardt fuhr fort:
»So verlebte ich die Jahre meiner Kindheit. Selten kam ich vom Schloß in das Dorf hinunter. Dies geschah nur, wenn mein Vater zu mir sagte: komm, Kind, heute ist Sonntag, da dürfen wir den Gottesdienst nicht versäumen.