Die heitere Zufriedenheit, die in den einfachen Worten lag, drang dem Fremden zum Herzen. Sie klangen von den Lippen der Greisin wie ein Gebet. Und als sie geendet und nun mit ineinander gelegten Händen, den Blick in die Weite gerichtet, eine Weile unbeweglich verharrte, da überkam ihn wieder dieselbe gehobene Stimmung, die er vorhin beim Betrachten der Natur empfunden hatte. Dort hatte er die Ruhe geschaut, die nach beendetem Tagewerk in der weiten Werkstatt des ewigen Schöpfers eingetreten war. Hier sah er einen alten Menschen der ein reiches Leben voll Arbeit hinter sich hatte, und der sich nunmehr mit müden Schritten dem Ende seiner Pilgerfahrt näherte.

Um das welke, schmale Gesicht der Alten aber woben die letzten Strahlen der scheidenden Sonne einen lichten Schein.

»So kann in der zwölften Stunde seines Lebens nur ein glücklicher Mensch aussehen,« dachte der Fremde.

»Ach Mutter Lehnhardt,« sagte er, »vorhin hat dort oben auf der Höhe der Anblick des Schlosses lange meine Aufmerksamkeit gefesselt. Wollet Ihr mir nicht etwas von dem ehrwürdigen Bau erzählen? Ich bitt’ Euch drum.«

»Warum nicht, gnädiger Herr,« versetzte die Alte, »wenn Ihr mit meinem Geplauder fürlieb nehmet. Ich tu es gern, denn die Erinnerungen an die seligen Tage meiner Kindheit steigen dabei wieder in mir herauf.«

Sie setzte den Napf zu Boden; in dem gleichen Augenblick aber sprang vom Fensterbrett eine gelbe Katze auf ihren Schoß, die schon ein altes Anrecht auf diesen Platz haben mochte. Und während die zitternden Hände der Greisin das glänzende Tier liebkosten, erzählte sie die folgende Geschichte:

»Meine Vorfahren haben von Alters her zusammen mit den Tiefenbachs auf dem Weißen Schlosse gelebt, sie die Herren, wir als Diener. Das Amt des Pförtners war es, das meine Väter getreu wahrgenommen und das sich immer vom Vater auf den Sohn vererbte. Die Chronik des Schlosses spricht zum ersten Mal von einem Lehnhardt, der den Obristen Gustav von Tiefenbach während des dreißigjährigen Krieges als Diener begleitete und der, nachdem sie heimgekehrt waren und er seiner vielen Verwundungen wegen nicht mehr kämpfen und das Roß nicht mehr besteigen konnte, Pförtner ward. Hans hat er geheißen und so jeder Sohn bis auf meinen seligen Vater herab. Dieser war der letzte Torwart des Weißen Schlosses. Die Zeiten waren andere geworden; man schaffte das Amt ab. Niemand war damit froher als er, denn Gott hatte ihm keinen Sohn beschert und er gönnte keinem Fremden die Würde.

Hanno von Tiefenbach ist der Urahn der Familie, und er war es auch, der unter Kaiser Heinrich dem Vierten das Schloß im Anfang des zwölften Jahrhunderts erbaute. Die bösen Hussiten spielten der Burg später aber sehr übel mit, daß nur noch die Grundmauern stehen blieben, auf denen Herr Arnulf gegen 1450 das Schloß in seiner heutigen Gestalt aufrichtete. Viel Leid wurde dem Bau im dreißigjährigen Krieg durch die Schweden zuteil, die sich aber an seinen unzerstörbaren Mauern tüchtig die Köpfe einstießen. Freilich hat seine Festigkeit durch die langen Beschießungen, denen er zu dieser Zeit ausgesetzt war, stark gelitten. Heute ist das Schloß zwar noch immer bewohnbar, aber wer weiß auf wie lange noch.

Diese früheste Vergangenheit, gnädiger Herr, habe ich in den alten Aufzeichnungen des Schlosses gelesen, zum Teil hat sie mir auch mein Vater erzählt.

Meine Mutter habe ich nicht kennengelernt, Gott nahm ihre Seele für die meine. Alle süßen Erinnerungen an meine Jugendzeit sind von dem Schlosse unzertrennlich. Mein Vater war, wie man sagte, ein wortkarger, in sich gekehrter Mann, dem der Dienst viel Zeit übrig ließ. Aber nur die Leute nannten ihn wortkarg, daheim war er gesprächig. Mit wehmütiger Freude gedenke ich besonders der langen Winterabende.