Die Alte hingegen war befriedigt und schmunzelte vor sich hin.

»Da kommt der Herr wohl schon sehr weit her?« hub sie wieder an. »Vielleicht aus dem Thüringischen?«

»Gott bewahre,« sagte dieser, »ich komme aus Dresden.«

»Ach, aus dem lieben Dresden,« erwiderte die Greisin. »Ich habe sie auch einmal gesehen, die herrlichen Ufer der Elbe. Freilich ist dies schon sehr lange her,« setzte sie mit tiefem Aufseufzen hinzu, »damals lebte ja noch der selige Herr Oskar von Tiefenbach.«

Mit einem Ruck fuhr der Fremde herum und schaute der Alten scharf ins Gesicht. Dann sagte er kurz:

»Ihr seid die Mutter Lehnhardt, nicht wahr?«

Und wie er sich wieder zur Seite wandte, murmelte er: »Aber wie konnte ich das denn nicht gleich wissen!«

»Zu dienen, gnädiger Herr,« antwortete die Greisin, »doch woher kennt Ihr meinen Namen?«

»Mutter Lehnhardt,« erwiderte der Fremde, »wen der liebe Gott an Jahren so gesegnet hat wie Euch, der wird weithin bekannt, ohne daß er davon weiß. Aber sagt, wie alt seid Ihr denn eigentlich?«

»Siebenundachtzig sind es nunmehr gewesen, Herr. Eine lange Zeit ist’s,« fuhr sie redselig fort, »und wie viel die Augen schauen mußten, wie vieles dem Menschen da zustößt, Glück und Leid. Aber der da droben weiß es doch immer so einzurichten, daß den trüben Tagen wieder Sonnenschein folgt. Und wenn ich nun auf mein Leben zurückschaue, auf all die guten und bösen Tage, und ich sollte sagen, welche von ihnen die andern überwogen haben, nun, so muß ich gestehen, daß die trüben Bilder der Vergangenheit verblichen, verschwunden sind, daß mir aber vieles des Fröhlichen, das mir beschieden war, unauslöschlich in die Erinnerung eingegraben ist. Nun gebe mir Gott nur noch ein sanftes Ende.«